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Deutsche Unternehmen haben die Bedeutung der Digitalisierung erkannt. Doch in der konkreten Umsetzung hakt es noch. Dabei sind die Erfolgsfaktoren sogar bekannt.

14.06.2017, Philipp Depiereux / etventure

Wer sein Unternehmen digital transformiert, macht sein Geschäftsmodell zukunftsfit und bleibt wettbewerbsfähig. Die Bedeutung des digitalen Wandels wird in den deutschen Führungsetagen 2017 mittlerweile überwiegend erkannt. Das ist die gute Nachricht. Sie ergibt sich aus einer repräsentativen Studie, die etventure nach 2016 in diesem Jahr erneut gemeinsam mit der GfK Nürnberg in Deutschland und erstmals auch mit YouGov in den USA durchgeführt hat.

Philipp Depiereux

ist Gründer und Geschäftsführer der Digitalberatung und des Company-Builder
etventure.

In den Ergebnissen zeigt sich, dass sich etwas getan hat im Vergleich zum Vorjahr. Die Digitalisierung zählt mittlerweile für 50 Prozent der deutschen Großunternehmen zu den Top-3-Themen. In jeder dritten Firma wird das Thema inzwischen direkt durch Vorstand oder Geschäftsführung gesteuert.

Doch auch wenn sich ein Bewusstseinswandel bemerkbar macht – es hakt bei der konkreten Umsetzung der Digitalisierung, und der Rückstand auf die USA ist enorm.

„In jeder dritten Firma wird das Thema Digitalisierung inzwischen direkt durch Vorstand oder Geschäftsführung gesteuert.“
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Quelle: etventure-Studie 2017 „Digitale Transformation und Zusammenarbeit mit Startups bei Großunternehmen in Deutschland und den USA“
Repräsentative Befragung von Unternehmen ab 250 Mio. Euro / US-Dollar Jahresumsatz durch die GfK, Nürnberg und YouGov, USA
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Gestiegener Stellenwert, aber schleppende Umsetzung

Zu langsam, zu unflexibel, zu stark in alten Denkweisen verhaftet – so lassen sich die Probleme zusammenfassen. Während die deutschen Großunternehmen noch immer versuchen, nach guter alter Ingenieursmanier perfekte Produkte zu bauen, entwickeln die US-Konzerne kundenfreundliche, intuitiv bedienbare Services und Plattformen.

Warum hinken deutsche Unternehmen hinterher? Hiesigen Unternehmen gelingt es meist nicht, das Wissen um die Bedeutung der Digitalisierung auf die gesamte Kernorganisation zu übertragen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Allen voran: Es fehlt an Erfahrung bei nutzerzentrierten Vorgehensweisen (63 Prozent), soll heißen, den deutschen Konzernen gelingt es nicht, ihr Angebot am Kunden auszurichten. Aber auch interne Widerstände – im vergangenen Jahr das am häufigsten genannte Hemmnis – machen immer noch der Hälfte der deutschen Unternehmen das Leben schwer. In den USA sagen das nur 28 Prozent.

„Viel zu selten wird gefragt: Was braucht der Kunde?“

Daten sind das neue Öl – der Rohstoff für neue Entwicklungen

Den Gesundheitsmarkt hat die Digitalisierung bereits mit voller Wucht erfasst. Der Chemie-Sektor steht auf dieser Zeitachse noch weiter am Anfang, aber auch er ist erheblich gefordert. Ein Grund dafür: Die meisten Unternehmen der Chemieindustrie leben fast ausschließlich vom B2B-Geschäft. Individualisierte Lösungen waren bisher selten gefragt. Solche Individualisierungen sind es aber, die in vielen Branchen durch die Digitalisierung befeuert werden – auch im B2B-Bereich. Daten kommen dabei eine neue Bedeutung zu. Zwar werden strategische Entscheidungen immer öfter auf Basis von Datenanalysen getroffen. Aber die wenigsten Firmen stellen das eigene Geschäftsmodell anhand der Daten komplett auf den Prüfstand.

Zudem steht am Anfang der traditionellen deutschen Ingenieursdenke häufig die Überlegung, was mit den gesammelten Daten technisch machbar ist. Viel zu selten wird gefragt: Was braucht der Kunde? Es ist also nicht verwunderlich, wenn dann Lösungen entwickelt werden, die am Ende zwar technisch hochentwickelt sind, dem Kunden aber leider nicht nutzen.

Zentral für die erfolgreiche Entwicklung datenbasierter Geschäftsmodelle ist, sich dem Datenthema mit nutzerzentrierten Innovationsmethoden wie Design Thinking und Lean Startup zu nähern. Das heißt: nicht mit dem komplexen Berg an Daten und den technischen Überlegungen starten, sondern erst einmal gemeinsam mit Pilotkunden ermitteln, was tatsächlich mehrwertstiftende Anwendungsfälle sind – für die der Kunde dann auch tatsächlich zahlt. Die Verknüpfung von Daten, Kundenwunsch und Produktion erschließt neue Märkte.

„Am offenen Herzen zu operieren, ist immer riskanter – deshalb sollten digitale Lösungen außerhalb der gewachsenen Unternehmensstrukturen, in einem ‚geschützten Raum‘, entwickelt werden.“

Am offenem Herzen zu operieren ist immer riskanter

Digitalisierung bedeutet dabei, Bestehendes in Frage zu stellen und nach radikalen Lösungsansätzen zu suchen. Dafür müssen neue Strukturen und Methoden geschaffen werden, die Innovation und Geschwindigkeit fördern. Wie kann das in der unternehmerischen Praxis gelingen? Am offenen Herzen zu operieren ist immer riskanter – deshalb sollten digitale Lösungen außerhalb der gewachsenen Unternehmensstrukturen, in einem „geschützten Raum“, entwickelt werden. Innerhalb einer eigenen Einheit können neue Ideen – ohne die hemmenden Strukturen und Routinen der Gesamtorganisation – direkt umgesetzt und somit schnelle Erfolge am Markt realisiert werden. So wird Innovationsfreude nicht durch interne Prozesse und Strukturen erstickt, und man kann frühzeitig jene Fehler machen, die im Kerngeschäft, bei der Produktion hochkomplexer Produkte, keinesfalls mehr passieren dürfen.

Derzeit sind die USA bei alldem Vorreiter. Aber immerhin: Deutsche Unternehmen holen sich vermehrt Hilfe von außen, um den Anschluss an die digitalen Veränderungen nicht zu verpassen. Mehr als jedes dritte Großunternehmen in Deutschland arbeitet mit Start-ups zusammen und versucht auf diese Weise, Zugang zu Innovationen und neuen Technologien zu erhalten. In den USA sind das lediglich 14 Prozent. Dies könnte ein Weg sein, den Rückstand aufzuholen, und am Ende doch noch vorn mit dabei zu sein.

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