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Warum sich Entwicklungsprogramme für erfahrene Mitarbeiter lohnen und was die Geschäftsführung davon lernen kann

31.05.2019, Sibylle Zieburg

Auch wenn es in der Pharmabranche meist Jahre dauert, bis aus einer Idee ein zugelassenes Medikament wird: Aktuelle Entwicklungen wie Big Data und künstliche Intelligenz, aber auch die demografische Entwicklung fordern uns heraus, Strategien, Arbeitsprozesse und Abläufe immer wieder zu hinterfragen und anzupassen. Damit das gelingt, müssen Unternehmen das Herz einer jeden Organisation mitnehmen: die Mitarbeiter. Sie sind diejenigen, die hinter den Ideen stehen, sich mit dem Status quo nie zufriedengeben und jeden Tag „Ja“ zu neuen Herausforderungen sagen.

Dr. Sibylle Zieburg

Dr. Sibylle Zieburg

ist Leiterin Personal und Mitglied der Geschäftsleitung bei Janssen Deutschland

Bei Janssen Deutschland, der Pharmasparte des US Gesundheitskonzerns Johnson & Johnson, sind vier von zehn Mitarbeiter älter als 50 Jahre. Mehr als die Hälfte sind zehn Jahre oder länger im Unternehmen beschäftigt. Insbesondere ihr enormes Wissen und ihre Erfahrung sind entscheidend für die Zukunft. Denn diese Kollegen kennen Janssen und seine Werte. Gleichzeitig sind die meisten von ihnen im Unternehmen sehr gut vernetzt. Sie wissen, wen man bei welcher Frage ansprechen kann und wie die Bereiche im Mutterkonzern zusammenarbeiten.

Um den besonderen Erfahrungsschatz und das Potenzial dieser erfahrenen Kollegen zu nutzen, hat Janssen sich entschlossen, die Zusammenarbeit zwischen den Generationen gezielt zu stärken. 2014 wurde das Silverpreneur-Programm ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um ein Entwicklungsprogramm, das sich speziell an Mitarbeiter richtet, die mindestens 50 Jahre alt sind und mehr als 25 Jahre Berufserfahrung haben.

Wie außergewöhnlich dieses Programm ist, hat sich schnell gezeigt. Manche Kollegen bezogen den Namen des Programms zunächst auf die Haarfarbe erfahrener Mitarbeiter. Andere, die für das Programm in Betracht kamen, fühlten sich „zu jung für ein Rentenvorbereitungsprogramm“. Tatsächlich ist das Silverpreneur-Programm alles andere als das: „Silver“ steht für die enorme Berufserfahrung der Teilnehmer. „Preneur“ leitet sich von „Entrepreneur“, also dem Unternehmer, ab. Mit anderen Worten: Silverpreneure sind  Mitarbeiter, die das Unternehmen durch ihre enorme Erfahrung voranbringen.

Ü50-Kollegen werden motiviert, ihre Erfahrungen einzubringen

Gewiss ist Janssen Deutschland nicht das einzige Unternehmen, das sich mit der besonderen Einbindung und Entwicklung erfahrener Mitarbeiter befasst. Viele Konzepte sind jedoch eher defizitorientiert und bieten etwa altersgerecht eingerichtete Arbeitsplätze oder spezielle Gesundheitskurse für ältere Mitarbeiter. Bei Janssen geht man es anders an. Die Ü50-Kollegen werden besonders wertgeschätzt und motiviert, ihre Stärken und ihre Erfahrung noch mehr einzubringen.

Im Silverpreneur-Programm arbeiten ausgewählte Teilnehmer in mehrtägigen Workshops über einen Zeitraum von acht Monaten zusammen. Das Thema, das sie in dieser Zeit bearbeiten, wählen sie gemeinsam aus. Individuelle Coachings ergänzen die Arbeit in den Workshops, zum Beispiel zu den Themen intergeneratives Arbeiten und Achtsamkeit.

Bei Janssen werden die Ü50-Kollegen besonders wertgeschätzt und motiviert, ihre Stärken und ihre Erfahrung noch mehr einzubringen.

Am letzten Durchlauf haben zwölf Silverpreneure teilgenommen, die zusammen auf eine Berufserfahrung von stolzen 355 Jahren kamen. Für sie war insbesondere der Umgang mit Veränderungen etwas, das alle sehr beschäftigte. Schließlich hatte jeder bis dahin schon diverse Veränderungen in Unternehmen mitgemacht – von der Einführung einer neuen Software über neue Abteilungsstrukturen bis hin zu neuen Zielvorgaben. Die Silverpreneure suchten deshalb Antworten auf die Frage: Was kann man tun, um Veränderungsprozesse zu unterstützen? Dafür haben sie ältere und jüngere Kollegen befragt und positive und negative Erfahrungen diskutiert. Dabei zeigte sich zum Beispiel, dass alle Generationen häufig unsicher sind, wenn sich etwas im Unternehmen verändert. Vor allem dann, wenn nicht frühzeitig darüber aufgeklärt wurde, warum die Veränderung nötig ist.

Vier Ideen, um Mitarbeiter bei Veränderungen besser mitzunehmen

Das Silverpreneur-Team hat aus diesen Erkenntnissen vier Ideen für die Geschäftsführung entwickelt. Diese sollen helfen, die Mitarbeiter bei Veränderungen noch besser mitzunehmen:

  • Roadmap: Darin werden alle Veränderungen zentral erfasst, so dass sie zeitlich aufeinander abgestimmt und Erfahrungen besser dokumentiert werden können. Dadurch lässt sich etwa vermeiden, dass zu viele Prozesse gleichzeitig stattfinden und die Mitarbeiter frustrieren.
  • Pilotprojekte: Bevor eine Veränderung das ganze Unternehmen erreicht, soll sie in Pilotprojekten auf Herz und Nieren geprüft werden. Geht es zum Beispiel um eine Neuerung im IT-Bereich, sollen dabei auch bewusst weniger IT-affine Mitarbeiter eingebunden werden, für die die Veränderung möglicherweise eine Herausforderung darstellt.
  • Erfahrene und geschulte Mitarbeiter als „Change-Agents“: Sie sind in die Umsetzung der Veränderung eingebunden und Ansprechpartner für alle Betroffenen. Sie können das Projekt auch offen hinterfragen.
  • Silverpreneure als Feedback-Geber: Sie hören ihren Kollegen zu, sammeln Lob und Kritik und halten Erkenntnisse fest. So kann Feedback frühzeitig berücksichtigt werden.

Veränderungen erfordern Mut: Vom Unternehmen, das Veränderungen erst einmal zulassen muss. Aber auch von den Mitarbeitern, die sich auf neue Situationen und Abläufe einstellen müssen. Um die unterschiedlichen Erfahrungen und das Wissen aller Mitarbeiter für das Unternehmen nutzbar zu machen, muss gezielt die Zusammenarbeit der verschiedenen Generationen gefördert werden. Dabei lernen die Silverpreneure nicht nur das Unternehmen noch besser kennen, als sie es ohnehin tun. Sie lernen auch sich selbst besser kennen, denn jeder einzelne macht die wichtige Erfahrung: Man ist nie zu alt, um „Ja“ zu neuen Ideen zu sagen.

Um die unterschiedlichen Erfahrungen und das Wissen aller Mitarbeiter für das Unternehmen nutzbar zu machen, muss gezielt die Zusammenarbeit der verschiedenen Generationen gefördert werden.