Bildquelle: Infraserv GmbH & Co. Höchst KG / infraserv.com

Circular Economy, Fridays-for-Future-Bewegung – die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie befindet sich in einer neuen Nachhaltigkeitsdebatte. Im Interview spricht Jürgen Vormann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Infraserv Höchst, wie der Industrieparkbetreiber auf diese Trends reagiert.

27.11.2019, Interview mit Jürgen Vormann / Infraserv Höchst, geführt von Christiane Zimmer / Fazit Communication

Herr Vormann, Umbrüche sind für die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie tägliches Brot. Wo liegen bei Infraserv Höchst als Standortbetreiber die Herausforderungen, um auch künftig wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für Unternehmen zu bieten?

Jürgen Vormann

ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Infraserv Höchst.

Für Infraserv Höchst besteht die größte Herausforderung darin, unseren Kunden immer wieder aufs Neue innovative, bedarfsgerechte und technisch-kommerziell überzeugende Lösungen zu wettbewerbsfähigen Konditionen anzubieten. Das gilt für alle Bereiche unseres Leistungsspektrums, vom Standortortbetrieb über unsere Ver- und Entsorgungs-Dienstleistungen bis hin zu den von uns angebotenen gebäudebezogenen Services; es gilt gleichermaßen für unser Leistungsangebot in der Aus- und Weiterbildung, in der Logistik und in den technischen Instandhaltungs-Dienstleistungen. Gleichzeitig müssen wir zukunftsorientiert denken und handeln, um einerseits die sich uns bietenden Chancen wahrnehmen zu können, z.B. im Zusammenhang mit der Digitalisierung von Geschäftsmodellen und -prozessen. Andererseits gilt es, Herausforderungen rechtzeitig zu erkennen und zu meistern. Hier sind z.B. die Implikationen zu nennen, die aus der demografischen Struktur unserer Gesellschaft resultieren. Wir müssen zudem vor dem Hintergrund der sich immer schneller vollziehenden Veränderungen unseres Wettbewerbsumfeldes auch unsere Unternehmenskultur den sich ändernden Rahmenbedingungen anpassen. Der Grundsatz „Schnelligkeit vor Perfektion“ – um nur ein Beispiel zu nennen – wird immer wichtiger. Und es wird künftig auch in einer stark regulierten Branche wie der unseren darauf ankommen, weniger in starren Hierarchien zu agieren, sondern vielmehr in funktionsübergreifenden Teams. Wir werden uns in Zukunft von einer „Stellen“-geprägten Organisation kommend, hin entwickeln zu einer Organisationsstruktur, in der wir mehr in temporär definierten Rollen denken und handeln.

Der gesellschaftliche Druck auf die Industrie mehr für den Klimaschutz zu leisten, wächst nicht zuletzt durch die „Fridays-for-Future“-Bewegung. Wie erleben Sie diese Bewegung als Industrieparkbetreiber?

Zunächst einmal sind Umwelt- und Klimaschutz für uns und unsere Branche keine neuen Themen. Der schonende und sparsame Umgang mit natürlichen und stofflichen Ressourcen ist für die chemische Industrie nicht nur ein Gebot nachhaltigen und erfolgreichen Wirtschaftens und insofern seit jeher schon allein aus ökonomischen Gründen von großer Bedeutung, sondern die Grundvoraussetzung für die unverzichtbare gesellschaftliche Akzeptanz unserer Branche. Daher bekennt sich die chemische Industrie in Deutschland auch mit Nachdruck zu den von der Bundesregierung postulierten Zielen für die Reduzierung der CO2-Emissionen. Wir sind in Deutschland auch auf einem guten Weg, diese Ziele zu erreichen. Auch Infraserv Höchst leistet signifikante Beiträge zum Klimaschutz, aktuell z.B. durch die in der Umsetzung befindlichen Projekte zur Erneuerung der Nutzenergieerzeugungs-Infrastruktur im Industriepark Höchst und den damit einhergehenden Ersatz von Kohle als Primärenergieträger. Durch die Umsetzung dieser großen Investition werden wir ab dem Jahr 2023 rund 1 Mio. Tonnen CO2-Emissionen jährlich einsparen.
Ich halte die gesellschaftliche Debatte zum Thema Klimaschutz im Übrigen für sehr wichtig. Allerdings dürfen diese Debatten aus meiner Sicht nicht einer reinen Schwarz-Weiß-Argumentation folgen. Neben den berechtigten Klimaschutzzielen gibt es auch noch andere Ziele, die aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive heraus wichtig sind, wie beispielsweise eine gute und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und die damit einhergehende Sicherung von Arbeitsplätzen als Basis der Existenzgrundlage für die Menschen. Auch diese Ziele müssen bei der aktuellen Debatte berücksichtigt werden, vor allem vor dem Hintergrund der Entwicklung Deutschlands im internationalen Kontext.

Meine persönlichen Erfahrungen mit der Fridays-for-Future-Bewegung sind übrigens positiv. In den Gesprächen, die ich bisher geführt habe, wurden Argumente auf beiden Seiten gehört und sachlich diskutiert. Aber die Menschen erwarten, dass ihre Argumente auch gehört und im Rahmen der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden. Dies bestätigt mich in meiner Einschätzung, dass wir bei wichtigen gesellschaftlichen Zukunftsthemen eine breite gesellschaftliche Diskussion benötigen, an der sich neben den Bürgern und der Politik ganz besonders auch wir als Wirtschaftsunternehmen beteiligen müssen.

„Meine persönlichen Erfahrungen mit der Fridays-for-Future-Bewegung sind übrigens positiv. Aber die Menschen erwarten, dass ihre Argumente auch gehört und im Rahmen der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden.“

Ein Trend in der Chemie- und Pharmaindustrie ist das Thema Circular Economy. Wie sehen Sie das mit der Brille des Industrieparkbetreibers: Eine echte Aufbruchsstimmung oder neuer Wein in alten Schläuchen?

Sowohl als auch. Einerseits denken wir als Industriepark-Betreiber für die Chemie- und Pharmaindustrie schon seit langem in Kreisläufen. Dies gilt zum Beispiel für den sorgsamen Umgang mit der Ressource Wasser. Wir sind mit Sicherheit auch Weltmeister in Sachen Energie-Effizienz, und zwar nicht nur bei der Bereitstellung von hocheffizienter Nutzenergie aus Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen. Wir nutzen die Restwärme und die Abwärme aus Produktionsanlagen bis an die Grenze des ökonomisch sinnvollen aus und speisen diese Wärme wieder in Versorgungssysteme ein. Darüber hinaus beschäftigen wir uns auch mit der Wiedergewinnung von Wertstoffströmen, aktuell zum Beispiel mit dem Thema Phosphor-Recycling. Ich bin davon überzeugt, dass das Thema der Circular Economy stark an Bedeutung gewinnen wird und an der einen oder anderen Stelle auch eine Aufbruchstimmung erzeugen wird.