Bildquelle: Infraserv GmbH & Co. Höchst KG / infraserv.com

Herr Dr. Kreysing, im Juni hätte die perspectives-Veranstaltung stattfinden sollen. Das Thema sollte „Schöne neue Welt“ lauten. Nun steht die Welt gerade Kopf – Grund ist ein Virus, das uns alle in Atem hält. Wie erleben Sie bei Infraserv Höchst die Corona-Krise?

22.05.2020, Interview mit Dr. Joachim Kreysing / Infraserv Höchst, geführt von Michael Müller / Infraserv Höchst

Dr. Joachim Kreysing

ist Geschäftsführer von Infraserv Höchst.

Als eine sehr herausfordernde Zeit, in der wir sehr schnell lernen und in der manches möglich wird, was ich so nicht vermutet hätte. Wir hatten schon vor Jahren Pandemie-Pläne entwickelt, die uns dabei geholfen haben, schnell die richtigen Prioritäten zu setzen, auch wenn die Corona-Situation doch insgesamt andere Anforderungen mit sich brachte. Wir haben uns auf Situationen vorbereitet, in denen es aufgrund von Quarantäne-Vorgaben zu Personalengpässen hätte kommen können. Tatsächlich gab es bei uns beziehungsweise im Industriepark Höchst nur sehr wenige Fälle von Corona-Infektionen und somit auch keine weitreichenden Quarantäne-Maßnahmen. Da haben die verschiedenen Schutz- und Vorsorgemaßnahmen sowie die gute, vertrauensvolle Zusammenarbeit der Standortgesellschaften sehr geholfen.

Dennoch haben wir uns zu Beginn der Corona-Pandemie in allen Unternehmensbereichen auf Personalengpässe vorbereitet. Bei einem so heterogen aufgestellten Unternehmen wie Infraserv Höchst konnte es da natürlich keine einheitliche Lösung für alle Organisationseinheiten geben. Wir haben als Geschäftsführung nur Leitlinien vorgegeben, innerhalb derer die Führungskräfte eigenverantwortlich entscheiden konnten. Ich bin sehr zufrieden damit, wie wir sehr kurzfristig und flexibel in allen Bereichen gute Regelungen gefunden haben und auf dieser Grundlage jederzeit sicherstellen konnten, dass wir als Standortbetreiber leistungsfähig sind und die Produktion im Industriepark Höchst weiterlaufen kann. Was ich besonders bemerkenswert fand: Wir sind bei verschiedenen Themen, bei denen wir selbst unsicher waren, wie wir damit umgehen sollten, schnell und mutig zu Entscheidungen gekommen, wohlwissend, dass wir diese vielleicht nach kurzer Zeit revidieren müssen. Das ist aus meiner Sicht insofern ungewöhnlich, weil das nicht unbedingt zu unserer Unternehmens- und Branchen-DNA passt. Die Chemieindustrie allgemein und auch Infraserv Höchst als Unternehmen tendiert ja richtigerweise immer dazu, die perfekte Lösung zu finden und auf der sicheren Seite zu sein. Aber in den vergangenen Wochen konnten wir mitunter nicht lange überlegen, sondern mussten einfach handeln. Das haben wir getan, und wir haben vieles richtig gemacht. Eine weitere Erkenntnis: Krisen erfordern viel Kommunikation. Um mit der Unsicherheit besser umgehen zu können, mussten und müssen wir viele Informationen abstrahlen und dialogbereit sein. Wir haben die Frequenz bei der internen Kommunikation deutlich erhöht und das wurde von den Mitarbeitern positiv aufgenommen.

Ich bin jetzt nach den zurückliegenden, anspruchsvollen Wochen auch sehr stolz auf Infraserv Höchst. Wir haben diese Pandemie bislang sehr gut gemeistert, weil wir in vielen Arbeitsgebieten auf Expertenwissen zurückgreifen konnten und sich die Mitarbeiter enorm engagiert haben. In den Betrieben, in denen trotz veränderter Rahmenbedingungen reibungslos weitergearbeitet wurde, und in den Abteilungen, in denen wir auch dank unserer IT-Abteilung in kürzester Zeit Mobile-Office-Lösungen umsetzen konnten. Unsere arbeitsmedizinische Abteilung war natürlich extrem gefordert und dank des engen Kontaktes zu den Gesundheitsämtern immer auf dem aktuellen Stand. Bei der Beschaffung von Schutzausrüstung oder Rohstoffen für die Produktion von Desinfektionsmittel, das wir für den Eigenbedarf hergestellt haben, und mit dem wir auch Krankenhäuser und Arztpraxen in der Umgebung unterstützt haben, hat unser Einkauf tolle Arbeit geleistet, um nur einige Beispiele zu nennen. Unsere Aus- und Weiterbildungs-Tochtergesellschaft Provadis hat in kürzester Zeit virtuelle Klassenzimmer eingerichtet und wir haben sogar innerhalb von drei Tagen eine Notbetreuung für Mitarbeiter-Kinder auf die Beine gestellt. Auch unsere Notfallorganisation hat sich als sehr leistungsfähig erwiesen, und es war ein Vorteil, dass für uns Stabsarbeit nichts Unbekanntes ist. Alles in allem sind das sehr viele, sehr positive Erkenntnisse, die ich in den zurückliegenden Wochen gesammelt habe.

Die mehr als 90 Unternehmen, die im Industriepark Höchst angesiedelt sind, brauchen eine intakte und stabile Standort-Infrastruktur. Worauf kommt es derzeit besonders an?

Die einfache Antwort lautet: Auf die gute, enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit und die direkte Kommunikation. Auf dieser Grundlage konnten wir in den vergangenen Wochen viele verschiedene Themen schnell regeln. Natürlich ist es für die Standortgesellschaften wichtig, dass alle Ver- und Entsorgungsleistungen zuverlässig erbracht werden. Das haben wir als Standortbetreiber jederzeit gewährleisten können. Auf Kommunikation und Zusammenarbeit kam es beispielsweise beim Umgang mit den Mitarbeitern an, die aus Risikogebieten zurückgekehrt sind. Für diese Fälle konnten wir sehr schnell Regelungen festlegen, Beratungsangebote schaffen und den Kontakt zu den Gesundheitsbehörden herstellen. Auch für Besucher, Mitarbeiter von externen Partnerunternehmen oder die Lkw-Abwicklung haben wir gemeinsam Maßnahmen erarbeitet und zeitnah umgesetzt. Für die Standortgesellschaften war das sicherlich eine große Entlastung, dass sie sich um all diese Detailfragen nicht separat kümmern mussten, sondern wir in Absprache mit den Unternehmen und bei Bedarf mit den Behörden tragfähige Regelungen entwickelt haben. Auch dabei galt: Alles musste sehr schnell gehen. Manches haben wir auch erst mal ausprobiert und dann schnell weiterentwickelt.

Welche Learnings nehmen Sie aus der Corona-Pandemie mit?

Es lohnt sich, den Mut zu haben, Entscheidungen zu treffen und auch wieder zu hinterfragen. Wir lernen mit Unsicherheiten zu leben und diese als Führungskraft – auch als Geschäftsführer – offen zuzugeben. Es gehört auch ein bisschen Mut dazu, den Mitarbeitern Freiräume zu ermöglichen, damit jeder in seinem Verantwortungsbereich die richtigen Maßnahmen treffen kann. Das alles hat bei uns sehr gut funktioniert. Das hat mir gezeigt, wie wertvoll es war, dass wir in den vergangenen Jahren intensiv an der Weiterentwicklung unserer Unternehmenskultur gearbeitet haben. Wir haben ein Werteleitbild implementiert, bei dem „Mutig sein“, „Vorbild sein“, „transparent kommunizieren“ oder „Orientierung geben“ zentrale Elemente sind. In den zurückliegenden Wochen konnte man spüren, dass dieses Engagement Früchte getragen hat. Beeindruckend fand ich, wie schnell Mitarbeiter aller Bereiche, Altersklassen und Hierarchieebenen Berührungsängste bei verschiedenen Digitalisierungsthemen überwunden haben. Das fängt bei den Videokonferenzen an, die innerhalb kürzester Zeit zum Arbeitsalltag gehörten, und umfasst die Digitalisierung verschiedener Prozesse, die wir aufgrund der besonderen Rahmenbedingungen sehr schnell vorangetrieben haben.

Ich bin der Meinung, dass wir als Staat und Gesellschaft in den letzten Wochen vieles richtig gemacht haben und aufgrund dessen ja auch im Vergleich zu anderen Ländern bislang relativ gut durch die Corona-Krise gekommen sind. Aber wir sollten uns anschauen, was andere besser gemacht haben, beispielsweise asiatische Länder. Da können wir noch einige Learnings ableiten. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass wir in verschiedenen Bereichen, bei verschiedenen Produkten in eine Abhängigkeit von einzelnen Staaten geraten sind, die sich als problematisch erwiesen hat. Es wäre sicherlich wünschenswert, wenn es da auf der Produktionsseite mehr Diversität gibt, damit politische Krisen, Naturkatastrophen oder wie im aktuellen Fall epidemiologische Entwicklungen auf globale Lieferketten nicht gleich so extreme Auswirkungen haben, unter denen dann ganze Branchen weltweit leiden.

„Krisen erfordern viel Kommunikation. Um mit der Unsicherheit besser umgehen zu können, mussten und müssen wir viele Informationen abstrahlen und dialogbereit sein.“