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Die Digitalisierung ist in Gesellschaft und Arbeitswelt angekommen, sie verändert die Art zu denken, zu entscheiden und zu lernen. Eine stärkere Beschäftigung mit psychologischen und neurowissenschaftlichen Fragestellungen kann wertvolle Hilfestellung bei einer klugen Planung und Gestaltung des Wandels geben.

01.06.2018, Dr. med. habil. Volker Busch / Universitätsklinik in Regensburg, Brain2B

Wer den Begriff „Digitalisierung“ in Google eingibt, erhält (Stand April 2018) einen Recall von mehr als 13 Millionen Einträgen in weniger als 0,7 Sekunden. Das Thema ist in der Bevölkerung angekommen. Nach wie vor zentriert sich die allgemeine Diskussion hierüber allerdings überwiegend auf technische und logistische Aspekte: Wie können wir uns globaler vernetzen? Wie können wir Datentransferleistungen verbessern? Welche digitalen Analyseverfahren können uns helfen, Entwicklungen besser voraus zu sehen und steuerbarer zu gestalten?

Dabei wäre zunächst einmal von Bedeutung, welche grundlegenden Auswirkungen die Digitalisierung auf den Menschen an sich hat, und wie sehr unsere Art zu denken, zu entscheiden und zu lernen durch den Wandel beeinflusst werden wird. Eine stärkere Beschäftigung mit psychologischen und neurowissenschaftlichen Fragestellungen der Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf menschliche Kognition, Kreativität, Konzentration und Kommunikation kann wertvolle Hilfestellung bei einer klugen Planung und Gestaltung des Wandels geben und somit Veränderungsprozesse erleichtern.

Dr. med. habil. Volker Busch

Dr. med. habil. Volker Busch

ist Facharzt für Neurologie sowie Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinik in Regensburg, Leiter der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe „Psychosozialer Stress und Schmerz“, www.brain2B.de

„Mensch, konzentrier dich.“ – Der Verlust der Fähigkeit sich zu Fokussieren

Eine menschliche Kernkompetenz, die für das Entdecken sinnhafter Zusammenhänge durch sorgfältiges Beobachten und für die Bewältigung einer besonders schwierigen Aufgabe nötig ist, ist die Fähigkeit sich fokussieren zu können. Die Konzentration gehört zu jenen Fähigkeiten, von denen andere Intelligenzleistungen in elementarer Weise abhängig sind, während sie selbst eher bescheiden im Hintergrund ihren Dienst verrichtet. Leider kommt sie uns heute besonders leicht abhanden. Permanente Ablenkungen im Zeitalter digitaler Kommunikation und Informationsflut unterbrechen unser Tun und lenken die Aufmerksamkeit immer wieder in neue Richtungen. Denken gelingt häufig nur fragmentiert und zusammenhangslos. Aufmerksamkeit ist zwar immer da, aber es gelingt uns nicht mehr gut, sie konzentriert festzuhalten.

Aufmerksamkeitsstörungen ziehen sich durch alle Berufsgruppen und Bevölkerungsschichten. Portionierte Teilaufmerksamkeiten führen zu einer Art mentalen Verschwommenheit, die Fehler und Unachtsamkeit produziert. Im Straßenverkehr führt dies seit Jahren nachweislich immer wieder zu Unfällen. Aber auch in Arbeitsprozessen führen permanentes Unterbrochen werden in neuen Arbeiten zu Leistungseinbußen und einem erhöhten Maß an Stress.

Permanente Ablenkungen im Zeitalter digitaler Kommunikation und Informationsflut unterbrechen unser Tun und lenken die Aufmerksamkeit immer wieder in neue Richtungen.

Multitasking ist keine Lösung

Der Mensch nimmt heute gerne „Gleichzeitigkeit“ für sich in Anspruch. Eine Reihe moderner neurowissenschaftlicher Untersuchungen belegen zweifelsfrei, dass dem Gehirn eine echte Parallelität nur dann gelingt, wenn die Aufgaben gänzlich unterschiedliche Sinnesmodalitäten oder -qualitäten in Anspruch nehmen und sich dabei gegenseitig nicht stören – beispielsweise spazieren gehen und dabei reden. Zwei intellektuelle Dinge lassen sich dagegen kaum parallelisieren – zum Beispiel zuhören und zugleich schreiben. Der Versuch des Multitasking bedeutet vielmehr ein ständiges Umschalten. Das kostet das Gehirn viel Kraft und Energie. Die energetischen Reibungsverluste bei häufigem Umschalten führen dazu, dass paralleles Arbeiten etwa 30 Prozent länger dauert und rund 20 Prozent mehr Fehler produziert als das nacheinander organisierte Arbeiten.

Kreative Ideen werden immer weniger zu Ende gedacht

Auch die allgemeine Abnahme kreativer Leistungen in den Industrienationen wird in dem Zusammenhang stetig wechselnder, oberflächlicher Aufmerksamkeitszuwendung interpretiert: Die Gedankenflüssigkeit, die Originalität von Ideen, sowie die Fähigkeit einfallsreiche Ideen zu Ende zu denken, sind in den Industrienationen in den vergangenen 20 Jahren flächendeckend gesunken. Man spricht von einer „creativity crisis“. Zwar ist der geistige Prozess des plötzlichen Einfalls nicht direkt abhängig von Konzentration, jedoch dessen konsequente Weiterentwicklung. Der letztgenannte Aspekt von Kreativität wird gemeinhin massiv unterschätzt. Viele Ideen versanden, weil nach dem eruptiven Einfall die Zeit, die Konzentration oder die Disziplin fehlt diesen weiterzudenken, mögliche Hürden auf dem Weg zu erkennen, verschiedene Perspektiven zu integrieren, und die Idee letztlich konsequent auszuarbeiten.

Aus neurowissenschaftlicher Sicht kommt es durch die genannten Faktoren zu einer starken Beanspruchung, gegebenenfalls Störung und sogar Schädigung wichtiger Hirnzentren, wie zum Beispiel einem wichtigen Teil des Vorderhirns (präfrontaler Kortex, PFC), der für die (hemmende) Modulation und Hemmung der Stressreaktionen zuständig ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass in akuten Stresssituationen der PFC mit bestimmten Neurotransmittern überflutet wird. Das wiederum führt zu einer Schwächung seiner Funktion, so dass er die Stressachse nicht mehr bei Bedarf hemmen kann. Die Folge kann eine psychophysiologische Anspannung oder gar Erschöpfung sein.

Wenn Führungskräfte in den Kernbereichen ihrer Unternehmenskompetenz einen Verlust an Arbeitsleistung, Kreativität und psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter oder bei sich selbst bemerken, dann sollte gegebenenfalls kritisch überdacht werden, ob man gemeinschaftlich möglicherweise Opfer von zu viel Reizflut, Ablenkung/Unterbrechung oder Gleichzeitigkeit/Parallelität geworden ist.

Gehirngerechte Digitalisierung – Zeit für kreative Ideenentwicklung

Gehirngerechtes Arbeiten bedeutet in diesem Zusammenhang Räume und Möglichkeiten herzustellen, die wieder das Versinken in Tiefe erlaubt: Die Aufmerksamkeit für ein paar Stunden auf eine Sache gerichtet zu lassen verhindert Fehler und spart letztlich Zeit. Für kreative Ideenentwicklung hingegen sind effektive geistige Pausen besonders wertvoll. Gelegentlich abschweifende Gedanken ohne äußere Zwänge eines getakteten Terminkalenders oder permanente Meetings könnten den Einfallsreichtum enorm beflügeln. Kritische Fragen von Unternehmern beziehungsweise Führungskräften an sich selbst können helfen sich dieser Verantwortung bewusst zu werden: Haben meine Angestellte wirklich die Möglichkeit zur ungestörten Aufmerksamkeit? Sitzen sie in ruhigen Büros? Haben sie die Möglichkeit ihre Konzentrationsfähigkeit zu restaurieren durch genügend Pausen? Haben sie auch Ruhezeiten, wo Gedanken sickern und verknüpft werden können?

Selbstverständlich liegt die Verantwortung für günstige Arbeitsprozesse und Stressreduktion auch bei jedem Einzelnen selbst. Ehrliche Antworten auf wenige essentielle Fragen können die Selbstreflexion fördern. Beispielsweise ob und in welchem Maßen man selbst dazu beiträgt, dass ein hektischer, oberflächlicher und paralleler Tagesablauf einen selbst unter Druck setzt, was letztlich dazu führt, dass man rascher erschöpft ist und sein geistiges Potenzial nicht voll entfalten kann.

Für kreative Ideenentwicklung sind effektive geistige Pausen besonders wertvoll.

In Gedanken versunken – Konzentrieren ist Übungssache

Ein Kompromiss zwischen den Notwendigkeiten eines reizfdurchfluteten und hektischen digitalen Alltags und einer sinnvollen Berücksichtigung von Tiefe kann darin liegen, sich gezielt Zeit zu nehmen; ein Stunde für die wichtigste Sache des Tages, der die ganze Konzentration und Aufmerksamkeit gilt. Eine derartige Umstellung der eigenen Abläufe geht nicht automatisch. Anfängliche Irritationen gehören dazu. Neue Gewohnheitsbildung fordert immer zu Beginn etwas Aktivierungsenergie. Der größte Feind der Verhaltensänderung ist das Individuum: Innere Stimmen erinnern an unerledigte Dinge, erinnern und ermuntern zu den gewohnten Abläufen von schnellem Umschalten und oberflächlichen Springen zurückzukehren. Aber wie so oft im Leben, ist alles eine Sache der Übung.

Das menschliche Gehirn braucht darüber hinaus Phasen der Ruhe. Der Nachtschlaf kann zwar einen Großteil dieser wichtigen Aufgabe übernehmen, jedoch hat der durchschnittliche Bundesbürger in den vergangene 20 Jahren seine Schlafenszeit um gut 30 Minuten reduziert. Medialer Dauerkonsum und Reizflut halten das Gehirn heute in einem 24/7-Rhythmus und damit in einer psychophysiologischen Dauerspannung. Phasen der Ruhe oder Muße untertags kommen da in Zeiten maximaler Effizienz anachronistisch vor. Selbst die Freizeit untersteht heute permanenten Nützlichkeitsimperativen. Die Folge: Der Mensch ist es kaum mehr gewohnt, Dinge zu tun, die nicht unmittelbar einer Produktivitätssteigerung oder Leistungsverbesserung nutzen. Die wenigsten können heute noch mit Langeweile gut umgehen.

Der Mensch ist es kaum mehr gewohnt, Dinge zu tun, die nicht unmittelbar einer Produktivitätssteigerung oder Leistungsverbesserung nutzen.

Analoge Momente in der digitalen Welt genießen

Geistige Ruhephasen sind gerade in Zeiten hoher Arbeitsverdichtung und schnellem Tempo ein unersetzliches Gut. Ruhe trägt einen Wert in sich. Ruhe meint dabei nicht zwangsläufig „nichts tun“. Sie entsteht ebenso effektiv durch Fokussierung auf eine Tätigkeit, in welcher man geistig in Tiefe versinkt. Das „second screen“-Verhalten, bei dem man einen Film schaut, während man Zusatzinformationen über Online-Dienste erhält, ist Gift für Genusstiefe und Entspannung.

Wichtig ist, dass Freizeit ohne Leistungsdruck oder dem ständigen Wunsch nach Optimierung und Effizienz gestaltet wird, sondern nur, weil sie selbst in diesem Moment guttut. Dies pflegt das Gehirn auf eine besonders effektive und zwar analoge Weise in einer hektischen und betriebsamen digitalen Welt.

Es geht nicht darum einen Kontrapunkt zur digitalen Entwicklung einzunehmen. Zahlreiche Aspekte können zweifelsohne große Verbesserungen mit sich bringen. Aber gerade weil aktuell viele Entwicklungen mit geradezu frenetischer Begeisterung gefeiert werden, bleibt ein kritischer Blick auf den Menschen wichtig. Der Mensch sollte den digitalen Wandel gestalten und sich nicht von der Digitalisierung gestalten lassen.