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Wer an seine Ideen glaubt und diese mutig vorantreibt, kann im Grunde nur profitieren. Fünf Unternehmen, die so zu erfolgreichen Playern wurden.

31.05.2019, Jürgen Hoffmann

Unabhängig bleiben: Pflanzliche Arznei von Dr. Willmar Schwabe

Dr. Willmar Schwabe ist Weltmarktführer im Bereich Phytopharmaka – pflanzliche Arzneimittel. In der fünften Inhabergeneration forscht, entwickelt und produziert das 1866 gegründete Familienunternehmen auf diesem Gebiet. 32 Millionen Euro hat die Gruppe 2016 (Umsatz: 900 Millionen Euro) in F+E investiert. Besonders großen Aufwand betreibt das Unternehmen, um die Rohstoffe zu gewinnen: Die Pflanzen, die das Ausgangsmaterial für den Wirkstoff der geprüften Arzneimittel von Dr. Willmar Schwabe sind, baut man auf eigenen Plantagen weltweit an. Auch der Herstellungsprozess der Arzneimittel in Deutschland liegt in der Hand des Karlsruher Unternehmens. „Nur auf diese Weise können wir die hohe Qualität unserer Arzneimittel gewährleisten“, erläutert Inhaber Olaf Schwabe. Er steht seit 2016 als CEO dem fünfköpfigen Leitungsteam vor, das die globale Strategie der Gruppe definiert und die operative Führung verantwortet. Der Export- und Auslandsanteil des Pharma-Schwergewichts mit 3.600 Mitarbeiter – davon 1.600 allein in Deutschland – beträgt 75 Prozent. Zum Sortiment von Dr. Willmar Schwabe gehören für den deutschen Markt rund 20 unterschiedliche Produkte. Ein „Renner“ ist Tebonin, ein Medikament gegen Ohrgeräusche, Schwindel und Gedächtnisschwäche, das 1965 als erstes Ginkgo-Arzneimittel auf den Markt kam. „Dass wir als Unternehmen, das sich zu 100 Prozent in Besitz der Familie befindet und ausschließlich mit Eigenkapital arbeitet, nicht von Aktionären, Quartalszahlen oder Banken getrieben sind“, ist für Olaf Schwabe das Erfolgsrezept. Man könne ungestört, langfristig planen und unabhängig handeln. „Zudem fühlen wir uns moralischen Werten wie Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und Transparenz verpflichtet, die zu einem respektvollen Miteinander führen.“ Der Ururenkel des Gründers legt Wert darauf, dass große Teile der Belegschaft im eigenen Unternehmen aus- und weitergebildet werden. Dafür stehen jedes Jahr Millionenbeträge zur Verfügung. Das sei eine gute Investition: „Unsere Mitarbeiter sind unser wertvollstes Kapital.“

Mit Hilfe der ganzen Familie: Nahrungsergänzungsmittel von Proceanis

Gleich zwei Familien haben an dem Aufbau des Biotech-Unternehmen Proceanis mitgewirkt: Die beiden Elternpaare der Gründer Dr. Henning Jüchter und Heiko Bross. Die einen waren Ärzte, die anderen ehemalige Besitzer eines Pferdehofes – beide halfen ihren Söhnen 2009 bei der Sondierung des Marktes, der Produktentwicklung, der Lagerhaltung und der telefonischen Beratung von Kunden. „Ohne sie hätten wir es auf den ersten Metern wohl kaum geschafft“, erinnert sich Heiko Bross. Eine kleine Hamburger Wohnung und ein Lager bei der Familie Jüchter in Bergisch Gladbach gelten als die Wiegen der Firma, die mit dem Nahrungsergänzungsmittel Arthrofill seit gut sechs Jahren erfolgreich ist. Der Gelenkkomplex ArthroFill kombiniert Hyaluronsäure mit Nährstoffen für Knochen, Knorpel und Bindegewebe. Hyaluronsäure ist Hauptbestandteil der Gelenkflüssigkeit, Fortschritte in der Biotechnologie ermöglichen eine Aufnahme über die Nahrung. Das wird im Pferdesport bereits seit Ende der 1990er Jahre genutzt. Im vergangenen Jahr verkaufte Proceanis in Deutschland, aber auch in Australien, China, Italien, Russland und anderen Ländern, Trinkampullen und Tabletten mit Hyaluronsäure für gut 500.000 Euro. Gestartet war der Familienbetrieb mit 50.000 Euro Eigenkapital, einem 90.000-Euro-Darlehen der KfW und einem zinslosen 35.000-Euro-Kredit der Hamburger Nissen-Stiftung. „Viel wichtiger als das Kapital aber war die Rückendeckung, das Vertrauen und die Liebe unserer Familien“, betont Bross. „Das hat uns getragen, gerade in schwierigen Situationen.“ Es seien die „positiven Schwingungen“ in der Gründungsphase, ausgelöst durch die Familie, die Proceanis bis heute auf dem Erfolgspfad halten: „Diese Emotionen prägen noch immer unsere Firmenkultur. Wir halten als Verbund zusammen.“ Die engagierte Mitarbeit der Eltern hätte kaum ein externer Angestellter leisten können. „Das war ein echter Wettbewerbsvorteil“, sagt Jüchter. Das Proceanis-Ziel für 2019: Markteintritt mit ArthroFill in China.

„Viel wichtiger als das Kapital aber war die Rückendeckung, das Vertrauen und die Liebe unserer Familien. Das hat uns getragen, gerade in schwierigen Situationen.“

Heiko Bross, Mitgründer von Proceanis

Kontinuität und Innovation: Messgeräte und Präzisionswaagen von Seca

1840 wurde in Hamburg der Grundstein für Seca gelegt, einen Hersteller von Waagen und Messsystemen. Seit 1970 ist der Betrieb auf medizinisches Messen und Wiegen spezialisiert und in der vierten Generation im Besitz der Unternehmerfamilie Vogel. „Kontinuität einerseits und Innovationskraft andererseits sind zwei unserer Stärken“, sagt Robert Vogel, der seit 2010 mit seinem jüngeren Bruder Frederik die 500 Mitarbeiter beschäftigende Firma führt. Das Unternehmen hat Niederlassungen in 14 Ländern. Der Weltmarktanteil beträgt etwa 50 Prozent (Export in 110 Länder), in Europa sind es 70 Prozent, in Deutschland sogar gut 80 Prozent. Neben medizinischen Längenmessgeräten und Präzisionswaagen gehören Produkte zur Bestimmung der Körperzusammensetzung (Bio-Impedanz), Vitaldatenmonitore und integrationsfähige Lösungen zum Portfolio. Seca (Eigenkapitalquote: 70 Prozent) peilt die 100-Millionen-Euro-Umsatzmarke an. „Als Familienbetrieb sind wir keinen Kapitalgebern Rechenschaft schuldig, sondern können einen nachhaltigen Wachstumskurs fahren“, erklärt Robert Vogel, ähnlich wie Olaf Schwabe (siehe Dr. Willmar Schwabe Porträt), das Erfolgsrezept. Schneller Profit sei nicht das Ziel. „Wir wollen unser Haus stabil an die nächste Generation übergeben“, betont Frederik Vogel, der 2018 zum zweiten Mal Vater wurde. Bruder Robert hat vier Kinder. Für die Zukunftsfähigkeit des Betriebes werden jährlich mehr als zehn Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung investiert. Zuletzt flossen im Zuge der zunehmenden Digitalisierung mehrere Millionen Euro, rund zwei Drittel des Entwicklungsbudgets in die Integrationsfähigkeit der Produkte und den Wandel hin zu einem Software- und Systemanbieter. Frederik Vogels Rat für andere Betrieb in Familienbesitz: „Für Unternehmen, die von zwei oder mehr Familienangehörigen geführt werden, ist es wichtig, dass es eine klare Abgrenzung der Aufgaben gibt“. Bei Seca ist das so: Robert Vogel leitet Vertrieb und Marketing, Frederik Vogel die Technik.

Querdenker erwünscht: Chemiebasierte Werkstoffe von Covestro

Seit drei Jahren agiert die ehemalige Bayer-Tochter Covestro selbstständig. Der Hersteller chemiebasierter Werkstoffe (14 Milliarden Euro Umsatz, 16.000 Mitarbeiter) hat sich auf die Fahne geschrieben, „neugierig, mutig und vielfältig“ zu sein, so Vorstandschef Dr. Markus Steilemann. Dafür hat das Leverkusener Unternehmen, dessen Vision es ist, mit innovativen Lösungen „die Welt lebenswerter zu machen“, auch innen angesetzt: Die Covestro-Mitarbeiter werden ermutigt, neu und quer zu denken, sie sollen nicht „Warum?“ fragen, sondern „Warum nicht?“. „Wir wollen Mitarbeiter, die Dinge hinterfragen, die sich trauen, auch mal einen Fehler zu machen, denn Fehler begreifen wir als Chance“, sagt Steilemann. Kreativität und unternehmerisches Denken fördert das Management beispielsweise mit dem firmeninternen Wettbewerb „Startup Challenge“. 2018 wurde die Idee einer neuen Technologie zur sauberen, sicheren und effizienten Reparaturlackierung für Autos zum Sieger gekürt. Das Gewinnerteam erhält für die Umsetzung bis zu einer Million Euro Startkapital und wird ein Jahr lang vom Job freigestellt. „Neugier ist wichtig, und die kann man auch trainieren“, erklärt Steilemann. Auch die Internationalität der Belegschaft sei eine Chance, die man nutzen will: „Kulturelle Unterschiede helfen, neue Wege zu beschreiten. Wir wollen den richtigen Weg gehen, nicht den einfachsten.“ Die Philosophie des Miteinanders wird im neuen Campus-Gebäude in Leverkusen, dessen Fertigstellung Ende 2019 erwartet wird, durch unterschiedliche Arbeitsumfelder wie Lounges und Ruhebereiche auch architektonisch umgesetzt. Ergebnis der mutigen Unternehmens- und Personalpolitik der börsennotierten Chemiefirma sind neue, innovative Produkte. So haben Covestro-Experten mit Partnern einen Katalysator entdeckt, der Kohlendioxid ohne zu viel Energieaufwand zur Reaktion bringt. Einem anderem Team ist es beispielsweise gelungen, die Grundchemikalie Anilin erstmals aus Pflanzen zu gewinnen.

 „Wir wollen Mitarbeiter, die Dinge hinterfragen, die sich trauen, auch mal einen Fehler zu machen, denn Fehler begreifen wir als Chance.“

Markus Steilemann, Vorstandsvorsitzender von Covestro

Nachwachsende Rohstoffe: Die chemischen Stoffe von Matsen

„Nachhaltigkeit ist bei uns kein Schlagwort, sondern gelebte Realität“, sagt Jan Hansen, Vorstand der Hamburger Firma Matsen Chemie. Die Aktiengesellschaft wurde 2016 gegründet und hat sich in ihrer Unternehmensvision verpflichtet, darauf hin zu arbeiten nur Produkte zu vertreiben, die aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt werden oder die Perspektive besitzen, zukünftig auf diese Weise hergestellt zu werden. Damit wäre Matsen weltweit das erste Chemieunternehmen, das seinen Kunden sämtliche Produkte und Dienstleistungen CO2-neutral(-isiert) anbieten kann. Dieses Ansinnen erscheint ehrgeizig in einem Marktumfeld, das von etablierten Traditionsunternehmen geprägt ist. „Außerdem wollen wir dieses Ziel auch noch schnellstmöglich erreichen“, erklärt Hansen weiter. Schon heute bietet Matsen rund ein Dutzend solcher nachhaltiger Spezialitäten an. Dazu gehören diverse Dicarbonsäuren, Rizinusölderivate und Propylenglykole. Außerdem vertreibt der Mittelständler Lithium- und Molybdänverbindungen, kolloidale Kieselsäuren der Marke Sinasol und das Produktportfolio der Tochterfirma Fesago Chemische Fabrik Dr. Gossler. Eine wichtige Entscheidungsgrundlage, um effektive Maßnahmen zur Reduktion der Emissionen und Umwelteinflüsse zu ergreifen, ist die Messung des CO2-Fußabdrucks der Aktivitäten der Firma. „Wir wollen an einer Verbesserung unserer Umwelt mitwirken“, sagt Hansen. Und so dokumentieren die Hanseaten ihre Verantwortung für Qualität und Umwelt durch die eigene Matsen-Stiftung, Zertifizierungen sowie die Teilnahme am Responsible Care Programm und den UN Global Compact Pakt. Umgesetzt werden die Ziele des jungen, innovativen Unternehmens mit aktuell 15 Mitarbeitern, die im Schnitt erst 27 Jahre alt sind – Young Professionals mit frischen Ideen. Vorstand Hansen und mehrere Mitarbeiter der ersten Stunde glauben so stark an den Erfolg ihres Unternehmens, „dass wir all unser Hab und Gut in die Firma gesteckt haben und uns gegenüber externen Investoren für den Erfolg verbürgen.“