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In der Chemie- und Pharmabranche und der Medizin tobt der Kampf um Fachkräfte. Die Unternehmen sind gefordert, in eine bessere Mitarbeiterbindung zu investieren – und die Arbeitsbedingungen zu verbessern.

01.06.2018, Harald Czycholl

Eigentlich hat Kurt Bock, Vorsitzender des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), allen Grund zur Freude: Die Branche boomt, 2017 verzeichneten die Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland ein kräftiges Umsatzwachstum von mehr als fünf Prozent. Der Boom macht sich auch in Form von Neueinstellungen bemerkbar: Die Zahl der Mitarbeiter in der Branche stieg um ein Prozent auf 451.500 Personen – ein Rekordhoch. „Nach eher durchwachsenen Ergebnissen in den drei vorherigen Jahren hat 2017 das Prädikat ‚gut‘ ohne Einschränkung verdient“, freut sich der Verbandschef, der auch für 2018 mit einem kräftigen Plus rechnet: Der Umsatz soll laut VCI-Prognose um weitere drei Prozent zulegen, das Jahresergebnis der Branche könnte 2018 damit erstmals die Schwelle von 200 Milliarden Euro erreichen.

Dennoch gibt Bock den Mahner: Er fordert die neue Bundesregierung zu höheren Investitionen in das Bildungssystem auf. Schulen und Universitäten müssten finanziell und personell besser ausgestattet werden, um die Qualität von Unterricht und Lehre zu verbessern, so sein Appell. Die Bildungsausgaben in Deutschland würden in Relation zum Bruttoinlandsprodukt deutlich unter dem OECD-Durchschnitt liegen. „Ein Bildungsschlusslicht kann auf Dauer kein Innovationsweltmeister werden“, so der VCI-Präsident.

Mitarbeiter sollen langfristig gebunden werden: Aber wie?

Die Mahnung kommt nicht von ungefähr, denn der Fachkräftemangel macht sich langsam aber sicher auch in der Chemiebranche bemerkbar. Und in den kommenden Jahren dürfte er sich noch verschärfen, wie ein Blick auf die aktuelle Altersstruktur der Arbeitskräfte in diesem Bereich zeigt: Laut einer Studie der Provadis Hochschule ist die Mehrzahl der Beschäftigten der Branche zwischen 43 und 57 Jahren alt. In zehn bis 15 Jahren, wenn ein Großteil der derzeit Beschäftigten das Rentenalter erreicht, droht ein akuter Mangel an qualifiziertem Personal. Die Unternehmen werben daher zum einen um Nachwuchskräfte – und suchen zum anderen Lösungen, um die derzeitigen Mitarbeiter möglichst langfristig im Berufsleben halten zu können. Der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) zählt dazu unter anderem Maßnahmen wie alters- und gesundheitsgerechte Arbeitsprozesse, die Qualifizierung während des gesamten Arbeitslebens und lebens¬phasengerechte Arbeitszeitmodelle.

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Ähnlich wie den Chemieunternehmen geht es auch der Pharmabranche – vor allem jenen Firmen, die kräftig in die Entwicklung und Erforschung neuer Arzneimittel investieren: „Mehr als die Hälfte der forschenden Pharma-Unternehmen arbeitet an neuen Krebsmedikamenten“, sagt Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). Der Bedarf in diesem Bereich ist hoch: Fast jeder zweite in Deutschland erkrankt im Laufe seines Lebens an der einen oder anderen Art von Krebs, und Krebs ist die zweithäufigste Todesursache.

„Ein Bildungsschlusslicht kann auf Dauer kein Innovationsweltmeister werden“

Kurt Bock, VCI-Präsident

Medikamente für ein gesundes Älterwerden: Nachwuchsforscher gesucht

Um den Patienten weiterhin mit neuartigen Therapien helfen zu können, sind die Firmen aber auf qualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs angewiesen. „Der demografische Wandel schreitet voran“, sagt Fischer. Und das bedeutet nicht nur, dass das Arbeitskräfteangebot geringer wird, sondern führt auch zu einem steigenden Bedarf an Medikamenten. „Wir werden immer älter, damit nimmt die Häufigkeit von Erkrankungen wie Krebs oder Alzheimer zu“, so Fischer. „Hier braucht es weiterhin Fortschritt, damit wir gesund älter werden können.“ Daher müssten die Rahmenbedingungen für Forschung eher heute als morgen verbessert werden.

Was der Chemie- und Pharmabranche noch bevorsteht, ist in der Medizin längst Realität: Mediziner fehlen an allen Ecken und Enden, der Ärztemangel ist längst zu einem geflügelten Wort geworden. Dabei ist hier die Lage besonders verzwickt, denn auf den ersten Blick widerspricht die Statistik der Bundesärztekammer der Annahme, dass es überhaupt einen Ärztemangel gibt: Während es im Jahr 1990 noch ungefähr 240.000 berufstätige Ärzte in Deutschland gab, ist diese Zahl bis ins Jahr 2017 auf fast 380.000 gestiegen. Dennoch zählen Ärztestellen laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit zu den Berufen mit den höchsten Vakanzzeiten: 2016 blieben Stellen in der Humanmedizin im Schnitt 136 Tage vakant – 43 Prozent länger als im Durchschnitt aller Berufe. Aktuell sind rund 10.000 Arztstellen unbesetzt.

„Mehr als die Hälfte der forschenden Pharma-Unternehmen arbeitet an neuen Krebsmedikamenten.“

Birgit Fischer, Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa)

Familienunfreundliche Strukturen: Ärzte gehen lieber in Teilzeit

Diese Diskrepanz hat viel damit zu tun, dass sich immer mehr angestellte Ärzte gegen eine Vollzeitstelle entscheiden und mehr Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf legen. Vor allem Ärztinnen entscheiden sich im Lauf ihrer Karriere dafür, nur eine Teilzeitstelle anzunehmen. Und die Zahl der Ärztinnen steigt weiter: „Die Hörsäle in den medizinischen Studiengängen zählen heute eine Frauenquote von fast 70 Prozent“, betont Fritz Grupe, Partner Healthcare bei der Personal- und Unternehmensberatung InterSearch Executive Consultants.

Der klinische Alltag wird dem Wunsch nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf jedoch nicht gerecht. Die Strukturen insbesondere im Krankenhaus sind nach wie vor wenig familienfreundlich – Überstunden sowie Nacht- und Wochenenddienste sind Alltag. „Ein modernes innovatives Klinikmanagement wird sich in den nächsten Jahren noch intensiver mit dem Thema Work-Life-Balance auseinandersetzen müssen, um bei der Akquisition junger Ärztinnen und deren langfristiger Bindung an das Klinikum gute Erfolge erreichen zu können“, sagt InterSearch-Berater Grupe. „Krankenhausmanagement und ärztliches Führungspersonal werden zukünftig noch mehr gefordert sein, moderne und transparente Dienstmodelle und Vergütungstrukturen zu entwickeln.“