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Die Initiative German Genethics am FiZ Frankfurter Innnovationszentrum Biotechnologie unterstützt Ärzte, die passende Therapie für ihre Patienten zu finden. Die Basis: Ein internationales Ökosystem der Präzisionsmedizin.

01.06.2018, Dr. Christian Garbe, FiZ Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie

Jeder Mensch ist einzigartig. Das gilt auch bei einer Krebserkrankung: Die gleiche Behandlung kann bei verschiedenen Menschen durchaus unterschiedlich wirken. Moderne Therapiemethoden setzen daher auf die Präzisionsmedizin.

Diese daten- und molekularbasierte Herangehensweise nimmt den Menschen als Individuum in den Blick: Bevor der Arzt eine Therapie auswählt, erfolgt eine molekulare Analyse, bei der das Tumorgewebe genetisch entschlüsselt wird. Die Therapie wird dann individuell auf den Patienten abgestimmt. Die Heilungschancen steigen, Nebenwirkungen, Misserfolge und Kosten der Therapie können minimiert werden.

Dr. Christian Garbe

Dr. Christian Garbe

ist Geschäftsführer der FiZ Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie GmbH

Kooperation schafft neues Wissen

Weltweit arbeiten Forscher daran, neue diagnostische Tests und bessere personalisierte Therapien zu entwickeln. Allein die amerikanische Regierung stellte in ihrer „Initiative für Präzisionsmedizin“ mehr als 215 Millionen Dollar dafür bereit. In Frankfurt am Main hat das FiZ mit „German Genethics“ vor rund drei Jahren begonnen, ein geschäftsorientiertes Ökosystem der Präzisionsmedizin aufzubauen.

Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus der ganzen Welt bringen ihre Erfahrung und ihr spezifisches Wissen über diagnostische Verfahren oder Behandlungsmöglichkeiten für Krebserkrankte über die Plattform zusammen. Das FiZ definiert die Qualitätsstandards, koordiniert die Zusammenarbeit und die Logistik, stellt die technische Plattform zur Verfügung und entwickelt diese fortlaufend weiter.

Daten sind der Schlüssel

Das Herz von German Genethics bildet eine neue, auf komplexen Algorithmen basierende Datenbank: Sie verbindet Informationen aus renommierten Fachzeitschriften und hochspezialisierten molekularbiologischen Datenbanken mit Forschungsergebnissen aus klinischen Studien und dem Wissen über anerkannte Therapien. Die Daten werden bereinigt, strukturiert und neu verknüpft. So entsteht eine globale Informationssammlung, die sich fortlaufend entwickelt und immer stärker wird.

Die German-Genethics-Datenbank erlaubt komplexe Korrelationen zwischen genetischen Varianten, Krebsmedikamenten, Krebsarten und klinischen Studien und macht „Big Data“ damit zu „Intelligent Data“: Neu erhobene Daten wie zum Beispiel individuelle Tumorprofile können auf Basis der vorhandenen Informationen bewertet und eingeordnet werden, unterschiedliche Behandlungsoptionen geprüft werden. Die Datenbank ermöglicht dem behandelnden Arzt also eine 360-Grad-Perspektive auf den individuellen Fall seines Patienten und stellt damit eine wertvolle Ergänzung zu seiner persönlichen beruflichen Erfahrung dar.

In Frankfurt am Main hat das FiZ mit „German Genethics“ vor rund drei Jahren begonnen, ein geschäftsorientiertes Ökosystem der Präzisionsmedizin aufzubauen.

Therapieentscheidungen besser fundieren

German Genethics zielt grundsätzlich darauf, die Therapieentscheidung des Arztes zu unterstützen beziehungsweise ihm eine gute Basis für seine Entscheidung zur Verfügung zu stellen. Es ist ausdrücklich nicht vorgesehen, eine rein datengetriebene Behandlungsentscheidung zu entwickeln.

In der Praxis kann der Arzt die Unterstützung von German Genethics bereits für die Analyse der Tumor-DNA in Anspruch nehmen. Renommierte Forschungseinrichtungen und Unternehmen übernehmen unter anderem pathologische Analysen und Genexpressionsanalysen der Gewebeproben. Mit Hilfe des Next Generation Sequencing (NGS) wird die DNA sequenziert. Im zweiten Schritt bietet German Genethics dem Arzt dann die Möglichkeit, die Proben seines Patienten mit der Datenbank zu verbinden und so Strukturen und Besonderheiten zu erkennen. Schon bald wird es zudem möglich sein, die Befunde der Liquid Biopsy mit den klinischen Daten der Patienten in Echtzeit zu verfolgen und zu sehen, wie die Tumore auf die medikamentöse Behandlung ansprechen.

Bildquelle: FiZ Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie, 2017

Die Zukunft der Krebsbehandlung

Die daten- und molekularbasierte Präzisionsmedizin bedeutet einen Paradigmenwechsel in der Medizin. Das gilt vor allem für die evidenzbasiert arbeitende Onkologie: Hier versuchte der Arzt im Rahmen der Therapie bislang ein passendes empirisch bekanntes Muster für die konkrete Erkrankung zu erkennen. Sein Erfahrungshorizont war durch den Evidenzbezug zwangsläufig beschränkt, die Analyse damit unbefriedigend.

Heute können wir „Big Data“ für den Behandlungsfortschritt nutzen: Die Präzisionsmedizin eröffnet die Chance, ganzheitlich auf den Patienten zu schauen. Vor dem Hintergrund einer umfassenden globalen Datenbasis kann der Arzt die konkrete Erkrankung in einen größeren Zusammenhang stellen und so deutlich mehr Behandlungsoptionen zu prüfen. Dieser Ansatz wird sich schon bald nicht nur in der Onkologie, sondern auch bei Indikationen in der Kardiologie oder in der Nephrologie durchsetzen und zu einer besseren Behandlung der Patienten führen.