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Rund um den Globus läuft die Suche nach Medikamenten gegen das Coronavirus auf Hochtouren. Wo steht der Pharmastandort Deutschland?

22.05.2020, Hajo Hoffmann

Zehn Uhr Ortszeit an einem Tag Ende April in Edmonton, Kanada. Matthias Götte sitzt allein in seinem Büro in der University of Alberta – die Kollegen arbeiten im Homeoffice, wegen Corona. Nur die Mitarbeiter im Labor sind vor Ort, sie können ihren Kampf gegen das Virus schlecht von zuhause aus führen. Götte und sein Team standen einige Tage zuvor im Fokus der internationalen Medien, denn sie konnten einen Erfolg beim Testen des ursprünglich gegen das Ebola-Virus entwickelten Medikaments Remdesivir vermelden: Es hatte im Laborversuch Wirkung gegen das neue Coronavirus gezeigt. Der Professor erforscht seit Jahren, wie Viren bekämpft werden können. Nach einem Studium der Chemie an der Technischen Universität München mit anschließender Promotion erhielt der gebürtige Hamburger 1997 „ein sehr gutes Angebot aus Montreal“ für eine Post-Doc-Stelle, das er annahm, wie auch dann 2014 einen Ruf nach Edmonton – inzwischen hatte er sich auf Mikrobiologie und Virologie spezialisiert. Die Frage, wieder nach Deutschland zu kommen, habe sich für ihn nie gestellt. Trotzdem sieht er sich selbst keineswegs als Beispiel für einen Braindrain von Deutschland an attraktivere Forschungsstandorte jenseits des Atlantiks. Es habe sich für ihn nur optimal ergeben mit der Karriere in Nordamerika. Zum Pharma- und Forschungsstandort Deutschland könne er sich nur hinsichtlich der Virologie äußern – und da habe er eine klare Meinung: „Deutschland muss sich keine Sorgen machen, das Fach ist traditionell sehr stark besetzt, viele Virologen sind international hoch angesehen. Ein hervorragender Standort.“

Auf hundert deutsche Nachwuchsforscher kommen tausend in China

Diesseits des Atlantiks, Höchst bei Frankfurt am Main. Jochen Maas, Leiter der Forschung und Mitglied der Geschäftsführung von Sanofi-Aventis Deutschland, sieht das ähnlich mit Blick auf die Pharmaforschung insgesamt. Er verweist auf die hervorragende Ausbildung, auf weltweit renommierte Organisationen wie die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren oder die Max-Planck-Gesellschaft. Aber er warnt auch davor, sich auf dem Erreichten auszuruhen. Seine Kritikpunkte: „Das Zusammenspiel zwischen öffentlicher und privater Forschung könnte hier besser laufen“, sagt Maas. Da könne man sich ein Beispiel an den USA nehmen, dasselbe gelte auch für die Risikobereitschaft bei der Finanzierung von Startups. Was ihm zu denken gebe: „Chinesische Institutionen und Universitäten haben dramatisch aufgeholt, was die Qualität der Absolventen angeht.“ Er habe viel mit Postdocs, frisch promovierten Wissenschaftlern, zu tun, und „vor zehn, 15 Jahren waren chinesische Studenten perfekt im Auswendiglernen, konnten jedes Steroidhormon aufsagen, waren aber nicht besonders kreativ – das hat sich völlig geändert, die Ausbildung in Beijing ist so gut wie in Tübingen oder Heidelberg.“ Die eigentliche Herausforderung dabei entstehe aus einem trivialen Grund: „Auf hundert exzellente Nachwuchsforscher bei uns kommen in China tausend.“

Ein Blick in die Statistik bestätigt das komplexe Bild aus Licht und Schatten. Beim European Patent Office (EPO) haben im vergangenen Jahr 588 Unternehmen aus Deutschland Arzneimittel-Patente angemeldet. Damit kommt der Standort Deutschland, die ehemalige „Apotheke der Welt“, zwar nur auf einen Anteil von acht Prozent aller Anmeldungen, das reicht aber schon für den ersten Platz in Europa und global – wenngleich mit großem Abstand – für Rang zwei hinter den USA, die mit 3.026 Anmeldungen einen Anteil von 39 Prozent erreichen. Immerhin, könnte man sagen. Aber der Eindruck trübt sich beim Blick auf die langfristige Entwicklung. Außenwirtschafts-Experten des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München haben sich die Patentanmeldungen in den USA und Europa auf Basis einer von der Word Intellectual Property Organization (WIPO) geführten langjährigen Statistik angesehen, die Auswertung zeigt einen deutlichen Rückgang des deutschen Anteils im Zeitverlauf. Was sich durch den Umstand abmildert, dass die absolute Zahl der Anmeldungen auf etwa gleicher Höhe blieb. Martin Braml vom ifo-Institut erklärt den Trend so: „Die Welt hat sich gewandelt, andere Länder sind aktiver geworden.“ Ohne dies bewerten zu wollen, so Braml, sei eine weitere Ursache darin zu sehen, dass die Pharmaforschung in Deutschland vergleichsweise strengen ökologischen, sozialen und ethischen Standards unterliege.

„Deutschland muss sich keine Sorgen machen, das Fach ist traditionell sehr stark besetzt, viele Virologen sind international hoch angesehen. Ein hervorragender Standort.“
Prof. Dr. Markus Götte, Virologe an der University of Alberta

Bei Patentanmeldungen hat Europa immer noch die Nase vorn

Noch etwas lässt sich aus den Zahlen ablesen – jedenfalls, was die Patentanmeldungen in Europa betrifft: Der Standort Deutschland für sich genommen verliert in einer zunehmend globalisierten Welt zwar relativ an Gewicht. Aber im Verbund mit den Nachbarländern ergibt sich ein völlig anderes Bild: So toppen Deutschland und die weiteren 37 Mitgliedsstaaten der EPO zusammen mit 41 Prozent der Arzneimittel-Patentanmeldungen sogar den Spitzenreiter USA (39 Prozent). Gewissermaßen ein Plädoyer in Zahlen für europäische Zusammenarbeit. Ein ähnliches Bild ergibt sich auf dem Gebiet der Biotechnologie: Der deutsche Anteil an Patenten beträgt 11 Prozent, die USA liegen mit 32 Prozent auf Platz eins, aber die europäischen Länder zusammen haben die Nase noch weiter vorne als bei den Arzneimitteln und erreichen einen Anteil von 47 Prozent. China übrigens rangiert auf beiden Gebieten in den Top Ten, aber dort noch auf den hinteren Plätzen.

Martin Braml hat auch kürzlich zusammen mit anderen Mitarbeitern des ifo-Instituts eine Studie vorgelegt zu der Frage, wie sicher die Medikamentenversorgung in Deutschland ist. Ergebnis: Deutschland exportiert erheblich mehr medizinische Güter – Arzneien, Technik – als es importiert. Entsprechende Waren im Wert von 69 Milliarden Euro kamen aus dem Ausland, exportiert haben deutsche Pharma- und Medizintechnikunternehmen Produkte im Wert von 106 Milliarden Euro – immerhin 7,8 Prozent der Gesamtexporte. Der Handelsüberschuss bei den Arzneien allein belief sich auf 28 Milliarden Euro. Fast drei Viertel (72 Prozent) der Arzneimittelimporte kommen dabei aus EU-Mitgliedsstaaten, aus China und Indien zusammen hingegen nur ein knappes Prozent. Etwa zwei Drittel seiner Importe bezieht Deutschland aus über 30 Ländern, davon nur ein Bruchteil von außerhalb Europas. Der Rat der Wissenschaftler angesichts der Corona-Pandemie: Lieferquellen noch weiter diversifizieren und ein intelligentes System der Bevorratung schaffen.

Auch in der aktuellen Krise stehen die Zeichen eher auf Kooperation als auf Abschottung. Weltweit sind zahlreiche Forschungsprojekte angelaufen, etwa um Impfstoffe gegen das neuartige Coronavirus SARS CoV-2 zu entwickeln, häufig koordiniert von internationalen Organisationen wie der Impfstoff-Initiative „Coalition for Epidemic Preparedness Innovations“ (CEPI). Eine vom deutschen Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) gemeinsam mit weiteren Organisationen erstellte Karte zeigt, dass im deutschsprachigen Raum über 50 Unternehmen an Lösungen arbeiten, davon allein 31 in Deutschland (Stand bei Redaktionsschluss). Zu ihnen zählt Sanofi mit einem klinischen Studienprogramm zur Behandlung schwer am Coronavirus erkrankter Patienten. Wie es in einer Information der Verbände heißt, decken die Unternehmen in den drei Ländern das ganze Spektrum der Arzneimittelentwicklung gegen Covid-19 ab: Sie arbeiten an Impfstoffen oder prüfen, ob sich bereits vorhandene Medikamente auch gegen Covid-19 einsetzen lassen, 21 Hersteller entwickeln neue Wirkstoffe gegen die Virusinfektion. Vor allem aber beobachtet Rolf Hömke, Forschungssprecher des vfa, vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie „eine enorme Bereitschaft zur Zusammenarbeit in der Industrie“. Innerhalb weniger Wochen seien Kooperationen in großen und kleinen Gruppen zustande gekommen – „das hätte man zentralistisch nicht schaffen können“. Das Ausmaß der Selbstorganisation in der Branche sei „außergewöhnlich und beweist eine neue Handlungsfähigkeit“.

 Das Ausmaß der Selbstorganisation in der Branche seit Ausbruch der Corona-Pandemie sei außergewöhnlich und beweist eine neue Handlungsfähigkeit.