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Industrie 4.0. war das Leitthema des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos. Die Elite der Weltwirtschaft ist sich einig: Die vierte industrielle Revolution verändert Produktionssysteme, Management und die Art der Regierungsführung. Gefährdet sie dabei auch Arbeitsplätze oder trägt sie zu mehr Wohlstand bei?

01.06.2018, Charlotte Schmitz

Die Digitalisierung gefährdet 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA, so das Ergebnis einer Studie aus dem Jahr 2013. Der schwedische Ökonom Carl Benedikt Frey und der Informatiker Michael Osborne haben mit ihrer Studie „The Future of Employment: How susceptible are jobs to computerisation?“ eine lebhafte Diskussion ausgelöst, wie die Industrie 4.0 den Arbeitsmarkt verändern wird.

Doch die Ergebnisse sind nicht unumstritten. „Andere Untersuchungen haben ergeben, dass durch die Digitalisierung auch neue Arbeitsplätze entstehen. Allerdings wird sich die Lohnspreizung verstärken“, sagt Dr. Markus Gaaß von der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH in München. Das Unternehmen mit den beiden Gesellschafter-Verbänden der Deutschen Ingenieure (VDI) und der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V. (VDE) berät vor allem kleine und mittlere Unternehmen in Innovationsfragen.

Mitarbeiter flexibel ausbilden

Gaaß kritisiert die Studie von Frey und Osborne in dem Punkt, dass dort starre Berufsbilder untersucht werden anstelle der Tätigkeiten, die mit diesen Berufen verbunden sind. Der Münchner Wissenschaftler ist der Meinung, dass einige dieser Tätigkeiten nicht ganz automatisiert werden können, sondern auch in Zukunft von Menschen ausgeübt werden. Gaaß betont die Bedeutung von Weiterbildung und Qualifizierung: Wenn Mitarbeiter flexibel ausgebildet sind, können sie sich den veränderten Anforderungen des Arbeitsmarkts anpassen. Er sieht daher optimistisch in die Zukunft: „Nach allem, was wir aus vergangenen Transformationen und industriellen Revolutionen gelernt haben, ist nicht mit nachhaltigen Beschäftigungsverlusten zu rechnen.“

Wie die Zukunft der Arbeit aussehen könnte, erforscht das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart. In den dortigen Laboren werden Systeme vorgestellt, die bereits für den Einsatz in Betrieben zur Verfügung stehen. Dazu gehören beispielsweise Assistenzsysteme. Eine Art „Exo-Skelett“, ähnlich wie zur Unterstützung von Behinderten, könnte Montagearbeitern helfen, anstrengende Bewegungen auszuführen. Dadurch würde die Gesundheit des Arbeiters geschont, weil seine Muskeln und Bänder weniger belastet werden.

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Wenn Mitarbeiter flexibel ausgebildet sind, können sie sich den veränderten Anforderungen des Arbeitsmarkts anpassen.

Anweisungen in der Muttersprache: Intelligente Maschinen verstehen uns

Die Maschinen der Zukunft werden intelligenter sein als heute. Sie könnten etwa Anweisungen in der jeweiligen Muttersprache des Bedieners äußern oder sich automatisch auf seine Körpergröße einstellen. „Industrie 4.0 macht es endlich möglich, Arbeit individueller zu gestalten. So macht Arbeit mehr Spaß und ist effizienter, was die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, die Industrie 4.0 ernst nehmen, nachhaltig steigert“, betont Dr.-Ing. Moritz Hämmerle, Leiter des Competence Centers Produktionsmanagement am Stuttgarter Fraunhofer-Institut.

Die Forschung geht davon aus, dass einige Branchen durch den digitalen Wandel schneller erfasst werden als andere und weitgehend umgestaltet werden. Beispiele für Branchen, die in naher Zukunft hohen Verwerfungen unterliegen werden, sind etwa der Einzelhandel, Banken und Versicherungen. Weniger und spätere Umgestaltung werden etwa die Gas-, Öl- und Chemieindustrie erleben.

„Industrie 4.0 macht es endlich möglich, Arbeit individueller zu gestalten“

Dr.-Ing. Moritz Hämmerle, Fraunhofer-Institut

Transformation in lernende und partizipative Organisationen

Nicht nur die Inhalte der Arbeit, sondern auch Arbeitszeitmodelle werden durch die Digitalisierung revolutioniert. Wenn die Herausforderungen des Datenschutzes gelöst sind, könnten Mitarbeiter per Smartphone-Apps selbst auswählen, wann sie für Schichten zur Verfügung stehen. Starre Schichten würden durch individuelle Arbeitszeitmodelle abgelöst, wie sie in der Büroarbeit bereits üblich sind. Die Digitalisierung birgt also nicht nur Gefahren mit sich, sondern auch Potenziale. Ob diese verwirklicht werden, hängt von der Art der Umsetzung ab. Industrie 4.0 bedeutet weit mehr als Digitalisierung. Sie erfordert die Transformation von Unternehmen in lernende, transparente und partizipative Organisationen.