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Nachhaltigkeit ist ein strategischer Aspekt in der chemischen Industrie. Tatsächlich nachhaltiger zu werden, verhilft zu besseren Finanzierungsmöglichkeiten und kann Kosten für direkte und indirekte Umweltschäden senken, die mehr und mehr den Verursachern auferlegt werden.

Die Kunden der Chemieindustrie können ihre Nachhaltigkeitsziele nicht allein durch Änderungen in ihrem eigenen Wertschöpfungsschritt erreichen. Die vorgelagerten Wertschöpfungsstufen der Chemie ermöglichen erst die Ausschöpfung des gesamten Potenzials.

Der Beitrag der Chemieindustrie zu umweltorientierter Nachhaltigkeit erfolgt auf drei Arten:

  • Veränderte Produktion: Bestehende Produkte werden durch alternative Rohstoffquellen oder Produktionsverfahren nachhaltiger
  • Neue Produkte der Chemieindustrie oder ihrer Kunden, was zu Anpassungsbedarf in der chemischen Industrie führt
  • Umgang mit benutzten Produkten: Betrachtung des gesamten Life-Cycles samt end-of-life

Bei der angestrebten Kreislaufwirtschaft können alle drei Arten zusammenwirken, wenn etwa Recyclingverfahren gleichermaßen eine alternative Rohstoffquelle darstellen. In der jüngsten Vergangenheit sind in allen drei Bereichen Kooperationen und M&A-Aktivitäten zu beobachten. Im Bereich der veränderten Produktion werden vornehmlich Kooperationen eingegangen, um neue Technologien zu entwickeln. Bei den neuen Produkten sind vermehrt Zukäufe von Spezialchemiefirmen im Bereich der elektronischen Chemikalien und Elektrolyten zu registrieren, was auf die steigende Nachfrage der Automobilindustrie nach Lithium-Ionen-Batterien und Halbleitern zurückzuführen ist. Beim Thema Wiederverwertung ist eine hohe Aktivität beim Kunststoffrecycling zu verzeichnen – je nach Stufe und Recyclingart sowohl M&A, Beteiligungen sowie Kooperationen.

Dr. Martin Gruhlke

Dr. Martin Gruhlke

ist Senior Manager in der Global Strategy Group bei der
KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Nicolai Kaltwasser

Nicolai Kaltwasser

ist Senior Associate in der Global Strategy Group bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Kunststoffindustrie geht beim Recycling mit großen Schritten voran

Recycling ist der Schlüssel der Kreislaufwirtschaft und bestimmte somit auch die diesjährige Kunststoffmesse K2019 in Düsseldorf. Beim Kunststoffrecycling ist zwischen werkstofflichem (physikalische Bearbeitung) und chemischem Recycling (Depolymerisation und Pyrolyse) zu unterscheiden. Das aufwändige chemische Recycling ist eine Ergänzung des etablierten werkstofflichen Recyclings für solche Abfälle, die nur schwierig oder gar nicht werkstofflich recycelt werden können. Recyclingpolymere aus dem vergleichsweise wenig aufwändigen werkstofflichen Recycling erreichen nur eine begrenzte Reinheit und können nicht beliebig häufig recycelt werden. Das chemische Recycling erzeugt immer (Ausgangsstoffe für) reine Polymere.

In der Abfallindustrie war im Bereich des werkstofflichen Recyclings in den vergangenen Jahren ein klarer Konsolidierungstrend zu erkennen. Die aktuelle KPMG Studie „The plastic recycling opportunity“ zeigt auf, warum sich dieser Trend fortsetzen wird: Die Konsolidierung birgt für die Hersteller von werkstofflich recycelten Kunststoffen großes Potenzial für die Wirtschaftlichkeit als auch die Qualität und Anwendungsmöglichkeiten ihrer Produkte. Die Konsolidierung macht sich durch entsprechende M&A-Aktivitäten bemerkbar. So hat sich Remondis 2018 durch die Zukäufe von LKR Recyclate (6,5 Mio. € Umsatz in 2016) und Plastic Recycling Zeitz verstärkt und Konkurrent Veolia übernahm im selben Jahr MultiPet. Aber auch der Chemiekonzern Borealis tätigte Zukäufe im werkstofflichen Recycling durch die Übernahmen von MTM Plastics in 2016 (20 Mio. € Umsatz in 2016) sowie von Ecoplast im Jahr 2018.

Das innovative Feld des chemischen Recyclings ist hingegen bisher vorwiegend von Kooperationen geprägt. Diese finden meist zwischen großen Spielern der Chemieindustrie wie BASF, Sabic, Ineos, Neste und technologieführenden Start-ups statt. So ist die kommerzielle Anwendung von Ineos/Styrolutions Depolymerisationstechnologie von Polystyrol zu Styrol in naher Zukunft zu erwarten. Dies wurde unter anderem durch Kooperationen mit Technologieführern wie Agilyx, Pyrowave und GreenMantra erreicht.

In der Abfallindustrie war im Bereich des werkstofflichen Recyclings in den vergangenen Jahren ein klarer Konsolidierungstrend zu erkennen. Sie macht sich durch entsprechende M&A Aktivitäten bemerkbar.

Kooperationen mit Start-ups nehmen weiter zu

Mit ChemCycling hat die BASF ein prominentes Projekt, in dem sie die chemische Recyclingform der Pyrolyse vorantreiben will, um in ihren Steamcrackern neben konventionellem Erdöl Pyrolyseöl einsetzen zu können. Auch dies geschieht in Kooperationen mit Start-ups wie das jüngste Investment der BASF in den Technologieführer Quantafuel zeigt. Weitere Wertschöpfungsschritte finden ebenfalls in Kooperationen statt. So hat Henkel in Kooperation mit dem Verpackungshersteller Alpla jüngst eine Waschmittelflasche aus dem ChemCycling-Kunststoff der BASF präsentiert.

Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe hat viele Wertschöpfungsstufen. Ihre rasante Entwicklung bewältigen Unternehmen der chemischen Industrie nicht allein. Die Fähigkeiten anderer zu nutzen, dient sowohl der Beschleunigung wie auch der Konzentration auf die eigenen Stärken. Die Auswahl des zielführendsten Kooperationsmodels ersetzt dabei in ihrer strategischen Bedeutung die eigenen Innovationsanstrengungen und darf daher keinesfalls unterschätzt werden.