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Welche Businesstrends die Branche zukünftig prägen und mit welchen strategischen Entscheidungen sich Chemieunternehmen auf ein wertgetriebeneres Geschäftsmodell vorbereiten können.

01.06.2018, Matthias Bäumler / Partner bei Strategy&, PwC

Die globale Chemieindustrie weiß, was es bedeutet, sich neuen Rahmenbedingungen anzupassen. Doch nun ist die Branche gefordert, sich neu zu erfinden. Chemieunternehmen kämpfen nach wie vor mit fortschreitender Kommoditisierung bei gleichzeitig volatilen Rohstoffmärkten. Daneben nehmen globale Trends wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit Einfluss auf die chemische Industrie und stellen althergebrachte Strukturen und Wertschöpfungsmodelle in Frage.

Volumengeschäft ist in Bedrängnis

Zunächst versucht die Branche insbesondere in den Spezialitätensegmenten, ihrer eigenen „Entmystifizierung“ Herr zu werden. Simulationen mit großen zugänglichen Datenmengen und ein verbessertes Verständnis von Struktur-Wirkungs-Beziehungen schaffen neuartige Transparenz und verringern den notwendigen chemischen Materialeinsatz. Solche leicht verfügbaren Kenntnisse ermöglichen es auch Kunden aus Schwellenländern oder Mittelständlern, Anwendungskompetenzen aufzubauen. Digitalisierung ist zudem eng mit der globalen Verschreibung zu ökologisch nachhaltigerem Wirtschaften verknüpft. Immer mehr Unternehmen verpflichten sich zu konkreten ökologischen Zielen, verbrauchen in der Folge weniger Rohstoffe und damit auch weniger Chemieprodukte. Beide Einflüsse führen dazu, dass die mengenmäßige Nachfrage nach Chemieprodukten unter Druck gerät, wobei das traditionelle Geschäftsmodell nach wie vor auf Volumenwachstum abzielt.

Vor diesem Hintergrund wird sich die Wertschöpfung der Chemieindustrie zu Leistungen verlagern, die über das eigentliche Produkt hinausgehen. Die Branche muss Serviceleistungen monetarisieren, Kapazitäten entlang der Wertschöpfungskette optimiert vermarkten, und kann tiefer in die Fertigung oder den Druck von Halbzeugen bis hin zu Fertigprodukten eindringen. Wenn sie versagt, werden neuartige Unternehmen diesen Platz in der Chemiewertschöpfungskette einnehmen. Software- oder Maschinenhersteller beziehungsweise Händler könnten sich zwischen die Chemieunternehmen und ihre Kunden drängen.

Digitalisierung ist zudem eng mit der globalen Verschreibung zu ökologisch nachhaltigerem Wirtschaften verknüpft.

Potential: Ökobilanz der Kunden positiv beeinflussen

Trotz der bevorstehenden Umbrüche können die Chemieunternehmen von den Trends profitieren: Zwar ist die Chemie selbst sehr ressourcenintensiv, doch gleichzeitig ein wesentlicher Innovationstreiber für die Nachhaltigkeit ihrer Kundenindustrien. So kann die Branche durch leistungsfähigere Materialien und ihr tiefgreifendes Prozessverständnis die Ökobilanz nahezu all ihrer Kundenindustrien positiv beeinflussen. Auf diese Weise wird Nachhaltigkeit für Chemieunternehmen von der Bedrohung zum wichtigen Differenzierungsmittel. Insbesondere Europäische Unternehmen sollten ihre strategische Agenda danach ausrichten und einen Wettbewerbsvorteil erarbeiten, beispielsweise gegenüber Firmen in den USA oder dem Mittleren Osten, wo sich Rahmenbedingungen langsamer verändern.

Um dieses Wertpotenzial zu sichern, muss die Chemie die Chancen der Digitalisierung ergreifen. Vertikale und horizontale Integration sowie digital unterstützte Lösungen oder Geschäftsmodelle helfen der Industrie dabei, innerhalb ihres Ökosystems enger mit ihren Kunden und Partnern zusammenzuarbeiten. Wenn sich die Branche über die reine Verbesserung bestehender Chemikalien und Formulierungen hinausentwickelt, kann die Neukonfiguration der Wertketten auch zugunsten der Chemieunternehmen ausfallen. Die Gewinner von morgen bedienen erfolgreich sowohl die Nachfrage nach Standardchemikalien als auch nach Produkten und Lösungen mit einem differenzierenden Angebot. Sie nutzen ihre Material- und Prozesskompetenz ebenso wie Verständnis von Kundenprodukten und -prozessen, um sich strategisch für nachhaltiges und profitables Wachstum zu positionieren.

Mit Blick auf die Prozesse muss die chemische Industrie ihre traditionell sehr arbeitsteilige Funktionsweise überwinden und Möglichkeiten zu funktionsübergreifender Zusammenarbeit schaffen.

Mit neuen Fähigkeiten Effizienz steigern und Kundennähe herstellen

Sowohl die Verteidigung des Geschäfts mit Standardchemikalien als auch eine erfolgreiche Erschließung neuer Wertschöpfungspotenziale erfordern neben einem erfolgreichen Transformationsmanagement auch den Aufbau neuer Fähigkeiten. Der Begriff der Fähigkeit geht dabei weit über die reine Personalplanung hinaus und umfasst Prozesse, Tools und Systeme, Wissen und Verhaltensweisen genauso wie die gesamte Organisationsstruktur eines Unternehmens, wie die Abbildung beispielhaft verdeutlicht. Mit Blick auf die Prozesse muss die chemische Industrie ihre traditionell sehr arbeitsteilige Funktionsweise überwinden und Möglichkeiten zu funktionsübergreifender Zusammenarbeit schaffen.

Welche Fähigkeiten das im Einzelnen sind, hängt stark vom Chemiesegment ab. So sollte ein Standardpolymerhersteller Chancen der Digitalisierung nutzen, um Effizienzen in der Produktion und in Verwaltungsprozessen zu steigern, seine Lieferstrukturen konsequent zu optimieren und Möglichkeiten von Rohstoff- und Produktsubstitution auszuschöpfen. Lösungsanbieter im Konsumgüterbereich müssen Fähigkeiten wie Komplexitätsmanagement, das Positionieren und Bepreisen von Services sowie das Führen von Partnerschaften lernen und bedarfsgerechte Kundenlösungen schnell entwickeln. All das sind Fähigkeiten, die in der Chemieindustrie nicht historisch gewachsen sind. Zum Aufbau ist deshalb auch ein neues Verständnis von Führung und Risikomanagement in Richtung einer offeneren Unternehmenskultur notwendig.