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Moderne, nachhaltige Chemie – sie begann in den 1970er Jahren mit Seveso. Heute reicht der Anspruch an Nachhaltigkeit nicht mehr. Neue Strategien sind gefragt, um die Klimapolitik wirklich zu verändern.

22.05.2020, Ein Gastkommentar von Günther Bachmann, ehemaliger Generalsekretär des Nachhaltigkeitsrats

Prof. Dr. Günther Bachmann

ist Nachhaltigkeits- und Umweltwissenschaftler, ehemaliger Generalsekretär des Rats für Nachhaltige Entwicklung

Seveso ist überall – diese Schlagzeile war ein Weckruf und damals in den 1970er Jahren von großer Dringlichkeit für die Chemieindustrie. Man hatte verstanden. Es folgten Jahrzehnte, in denen sich die Chemieunternehmen den oft mühevollen Weg von der schmutzigen in eine verantwortungsvolle Chemie bahnten. Ein Teil davon ist die Brancheninitiative Chemie³.

Heute fehlt ein Weckruf vergleichbarer Stärke. Aber er ist gleichwohl mit ebensolcher Dringlichkeit nötig. Dass in den Ozeanen mehr Plastikreste als Fische schwimmen, ist keine absurde Wahnvorstellung mehr, sondern rückt immer näher heran an die Realität. Zugespitzt gesagt: Wenn wir das Problem von umweltschädlicher Verpackung nicht bald, schnell und sauber lösen, können wir einpacken.

Heute fehlt ein Weckruf vergleichbarer Stärke. Aber er ist gleichwohl mit ebensolcher Dringlichkeit nötig. Dass in den Ozeanen mehr Plastikreste als Fische schwimmen, ist keine absurde Wahnvorstellung mehr, sondern rückt immer näher heran an die Realität. Zugespitzt gesagt: Wenn wir das Problem von umweltschädlicher Verpackung nicht bald, schnell und sauber lösen, können wir einpacken.

Eben erst hat die Bundesregierung die Anforderungen an das Einsammeln und die Verwertung von Plastik drastisch erhöht. Unternehmen treten dem Europäischen Plastik-Pakt bei. Innovationen kommen voran. Die Europäische Kommission legt ihre Plastik-Strategie vor. Das ist alles gut. Was aber eigentlich nötig wäre und helfen könnte, das sind gesetzliche Vorgaben für Produkte, die den Mindestsatz vorschreiben, zu dem Plastik aus der Tonne und dem Recycling wieder einzusetzen ist. Die Rede ist von Recyclaten, wie wir sie in noch viel zu wenigen Produkten haben. Pioniere wie Werner&Mertz und andere sind zu loben. Wahre Unterstützung aber würde die Rahmenbedingungen für alle verbessern. Das wäre quasi ein Mindestlohn für die Umwelt. Und er wäre ein Bewährungsfeld für Chemie 4.0. Modernste Verfahren sind heute bereits technisch in der Lage, aus Plastikmüll wieder Rohstoff, im Zweifel Öl, zu machen, damit der Kreislauf erneut losgehen kann; und zwar ohne dass das Plastik im Magen von Makrelen landet. Was fehlt ist die industrielle Skalierung, also das Hochfahren dieser Chancen. Hier wäre das, was wir bei den Autos und den Batterien mit Industriepolitik bezeichnen, mal richtig gut am Platze.

Wir stolpern uns schlecht und recht in eine ernstzunehmende Klimapolitik hinein. Noch ist (fast) alle Klimapolitik weit entfernt davon, den Planeten auf Spur zu halten, um das Mindeste zumindest anzudeuten. Internationale Klimaverhandlungen unterliegen häufig den Spielregeln des Mikados, bloß nicht als Erster bewegen, kombiniert mit einer gefühlten Abseitsregel. Deswegen sind sie dennoch nicht unwichtig und international sowieso die beste Option, die wir haben. Dass multilaterale Verhandlungen auch „liefern“ können, beweist die Agenda 2030 mit ihren universellen Sustainable Development Goals, ohne die es im Übrigen auch das Pariser Klimaabkommen kaum geben würde. Aber Zeit und langer Atem zählen nicht gerade zu den Verbündeten, wenn die Erderwärmung in den Grenzen des gerade noch Erträglichen gehalten werden soll.

Zukunft liegt bei Biopolymeren

Schneller – und auch ruppiger, aber das ist hinzunehmen – ginge es im Markt zu, wenn die Konkurrenten erkennen würden, worum es geht. Hier ist, worum es geht: Chemie 4.0 kann, soll und muss Klimaschutz liefern; die Zukunft liegt in chemieindustriellen Verfahren zur Kreislaufnutzung von Kohlendioxid; „Carbon Capture and Use“, also das Einfangen von Klimagasen und deren Nutzung, statt sie zu deponieren. Die Zukunft liegt in Synthesegasen und in der Herstellung von Wasserstoff mittels grüner Energie. Die Zukunft liegt in Biopolymeren, also in einer Grundstoffchemie, die Rohöl aussteuert und durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt.

Weder ist der Staat allein für die Umweltvorsoge zuständig noch der Markt und die Wirtschaft alleine für den Profit. Diese Aufgabenteilung ist altes Denken. Sie gehört ins vorige Jahrhundert verabschiedet. Heute braucht das Politische den Markt, und umgekehrt.

Um ihre licence-to-operate zu behalten, muss die Chemie 4.0 nachhaltiger werden.

Integration von Wertschöpfungsketten in Netzwerken

Um ihre license-to-operate zu behalten, muss die Chemie 4.0 nachhaltiger werden. Nachhaltige Chemie umfasst das, was oftmals grüne Chemie genannt wird, bedeutet aber viel mehr. Mit „Seveso ist überall“ begann die moderne Chemiepolitik. Heute reicht das nicht mehr. Nachhaltigkeitsstrategien sind auch deswegen notwendig, weil nur sie bei 4.0-Lösungen helfen. Sie helfen – zunächst mit Einsicht, dann auch praktisch – dabei, die Dematerialisierung und die klimapolitische Dekarbonisierung so zu gestalten, dass beide zu einer Re-Industrialisierung und zur Schaffung von qualifizierten Arbeitsplätzen, zu guter Ausbildung und gutem Leben beitragen. Chemiepolitische Kreislaufwirtschaft und chemiewirtschaftliche Nutzung des Kohlendioxids gehören dazu. Beide erfordern eine neue, große Runde der Integration von Wertschöpfungsketten in Netzwerke. Mit anderen Worten: eine Welle der Digitalisierung von Informationen, Spezifikationen und Fertigungs-, Rückhol- und Recycliervorgängen.

Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet: circular, connected, collaborative economies. Circular mahnt eine Kreislaufwirtschaft an, die beim Produktdesign anfängt und beim Recycling und bei der Anschlussnutzung endet. Connected mahnt Informationstechnik an, die Einzelnes (Produkt, Produktionsschritt, Planung, Vertrieb) immer im Kontext von immer schnellerer Kommunikation sieht und aus der Wertschöpfung in linearen Ketten zunehmend eine Wertschöpfung in Netzwerken und auf Plattformen macht. Collaborative mahnt neue Kooperationen an und die Bereitschaft zum Teilen von Nutzen und zur Suffizienz von Konsum an. Verzicht wird überlebenswichtig, selbst für Industrien, die bisher nur Wachstum im Sinne von Ausweitung und Mehrung kannten.

Sowohl neue Stoffe als auch neue Daten werden letztlich aus alten Stoffen und Daten geschaffen. Was hier die Katalyse ist, ist dort der Algorithmus: Die Synthese geht neue Wege. Alles ändert sich. In der Produktion werden die ordentlich aufgereihten Ketten von Zulieferern zu multipolaren und schnelllebigen Netzen von Akteuren. Die Folge: Chemie 4.0 müsste eigentlich genau das sein, was die Datenökonomie im Internet ist, der molekulare Bruder der digitalen Agenda – als Querschnittsfunktion, mit neuen Kooperationen, mit dem Man-to-the-Moon-Ideen etwa derart, das Rohöl zu ersetzen und die Ozeane zu sanieren. Zu weit gesprungen? Ich glaube nicht. Mal abgesehen davon, dass die erdrückenden Mitteilungen der Wissenschaft zum Zustand des Planeten nicht eben zu dem Gedanken ermutigen, die Probleme der nicht nachhaltigen Welt gingen irgendwie schon wieder von alleine weg. Im Gegenteil, das Verschieben von Lösungen bedeutet die Verschärfung der Probleme.

Also, was ist mit einem biochemischbasierten Datenraum für Pflanzenbau, Welternährung und Biodiversität? Wenn Amazon im Web-Datenraum für jeden Menschen die Allgegenwart und Bestellbarkeit von jedem Plastikschnipsel organisiert, warum können dann nicht demokratische Staaten und umweltbewusste Chemie 4.0-Unternehmen den transparenten und für alle zugänglichen (ja, auch in Afrika) Datenraum für die Chemie des Anthropozäns einrichten? Unmöglich ist nur, dass alles so bleibt, wie es ist.

Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet: circular, connected, collaborative economies. Circular mahnt eine Kreislaufwirtschaft an, die beim Produktdesign anfängt und beim Recycling und der Anschlussnutzung endet.