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Die Chemiebranche braucht mehr Offenheit. Darüber und über den Stellenwert von Nachhaltigkeit, Diversity und Innovation spricht Dr. Willem Huisman, Präsident und Vorstandsvorsitzender von Dow Deutschland.

01.01.2017, Interview mit Dr. Willem Huisman / Dow Deutschland, geführt von Christina Lynn Dier / Frankfurt Business Media

Herr Huisman, was verbinden Sie – in drei Stichpunkten – mit Offenheit?

Ganz spontan: Neugier, Freundlichkeit und Lernbereitschaft. Das sind für mich drei typische Eigenschaften von Menschen, die anderen mit Offenheit begegnen. Offenheit hat viel mit der Überzeugung zu tun, dass aus neuen Begegnungen und Erfahrungen etwas Gutes entstehen kann.

Dr. Willem Huisman

ist Präsident von Dow Deutschland.

Welche Bedeutung hat das Thema Offenheit für die Chemiebranche?

Offenheit ist ein grundlegendes Thema, allerdings nicht auf einer abstrakten Ebene. Man muss es auf die konkreten Herausforderungen in Strategie und Tagesgeschäft beziehen. Dazu ist es wichtig, die richtigen Fragen zu stellen: Sind wir offen für Ideen, die außerhalb unserer eigenen Forschungslabore entstehen? Nehmen wir wahr, was „draußen“ passiert? Hören wir auf die Rückmeldungen, die wir von Kunden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und aus der Gesellschaft erhalten? Müssen wir ein Projekt allein stemmen – oder gibt es Partner, mit denen wir erfolgreicher sind? Das sind wesentliche Fragen für jedes Unternehmen.

„Das Geschäft ist heute marktgetrieben und nicht „molekülgetrieben“. Wir hören heute besser und früher auf das, was unsere Kunden sagen.“

Wie hat sich hier in den vergangenen Jahren das Bewusstsein verändert? Und wo besteht noch Handlungsbedarf?

Überspitzt könnte man sagen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen in den Chemiefirmen die Forscher zum Vertrieb sagten: „Schaut mal, wir haben ein schönes Molekül gefunden, jetzt müsst ihr nur noch losgehen und jemanden finden, der irgendwas Praktisches damit anfangen kann.“ Das Geschäft ist heute marktgetrieben und nicht „molekülgetrieben“. Wir hören heute besser und früher auf das, was unsere Kunden sagen. In dieser Beziehung ist die Branche auf jeden Fall offener geworden. Heute freuen wir uns über Sonderwünsche, die wir früher als störend empfunden hätten, weil sie uns die Möglichkeit zu Differenzierung geben. Die Einsicht, dass die besten Geschäftsmöglichkeiten nicht hinter verschlossenen Labortüren entstehen, hat sich durchgesetzt und zu mehr Offenheit geführt. Es gibt noch ein paar andere Einsichten, die auch mit Offenheit zu tun haben, bei denen die Branche aber noch nicht am Ziel ist: zum Beispiel die Einsicht, dass Führungsaufgaben nicht nur von weißen, heterosexuellen Männern über 45 wahrgenommen werden können. Wir müssen mehr für die vielen hochtalentierten Menschen in unseren Unternehmen tun, die nicht dieser von Vorurteilen begünstigten Gruppe angehören. Diversity, also Vielfalt und Inklusion, ist für nahezu alle Unternehmen eine wesentliche Herausforderungen und hat viel mit Offenheit zu tun – das sage ich ganz bewusst als jemand, dessen Profil offenkundig gut in das alte Klischee passt. Ein anderes Beispiel ist die Einsicht, dass Nachhaltigkeit kein Spezialthema ist, sondern ins Zentrum unseres Geschäfts gehört. Bei Dow setzen wir uns seit über 20 Jahren immer neue, ehrgeizige und langfristige Nachhaltigkeitsziele, aber auch wir wissen, dass noch ein langer Weg vor uns liegt.

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Wie hängen Ihrer Meinung nach speziell Nachhaltigkeit und Offenheit zusammen?

Es ist kein Geheimnis, dass viele Themen der nachhaltigen Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten nicht zuerst von der Industrie zur Sprache gebracht worden sind. Viele Unternehmen haben lieber gemauert, als sich auf einen offenen Dialog einzulassen – auch, weil beim Thema Nachhaltigkeit nicht selten mit falschen Fakten und Unterstellungen gearbeitet wurde und wird. Trotzdem sind Offenheit und Dialog die besten Rezepte für eine nachhaltige Entwicklung. Mit die größten Fortschritte haben wir da gemacht, wo wir offen genug waren, zuzuhören und unsere eigenen Lösungen infrage zu stellen. So haben wir gelernt, dass Nachhaltigkeit kein „Geschäftsverhinderungsthema“ ist, sondern eine Triebkraft für neue Geschäftsmodelle und Lösungsansätze sein kann, gerade wenn es zum Beispiel um Umwelttechnologie oder Energieeffizienz geht. Oder nehmen Sie die viel beachtete Nachhaltigkeitsinitiative Chemie3: Hier arbeiten Unternehmen und Gewerkschaft gemeinsam, um Branche und Gesellschaft zukunftsfähig zu machen. Das ist eine Kooperation, die von der Offenheit unterschiedlicher Partner lebt.

Welche Rolle spielt Offenheit, der Mut zu Kollaborationen, bei der Entwicklung von Innovationen?

Die Basis von Innovationen ist heute nicht in erster Linie die Konzentration von Wissen an einem bestimmten Ort, sondern die dynamische Vernetzung von vielen Kompetenz- und Wissensträgern innerhalb und außerhalb der eigenen Organisation. Dabei sind Kooperationen fundamental: Wir bringen unsere Kompetenzen ein, erhalten umgekehrt Zugang zum Wissen unserer Partner und schaffen gemeinsam eine Lösung, die es bislang noch nicht gab. Offenheit ist die Voraussetzung dafür. Das hört sich einfach an, ist aber keine triviale Aufgabe für das Innovationsmanagement. Denn Fragen des geistigen Eigentums und der Sicherung wissensbasierter Alleinstellungsmerkmale sind in Zeiten steigenden Wettbewerbsdrucks nach wie vor entscheidend. Neben Offenheit brauchen gute Kooperationen deshalb vor allem eines: Vertrauen.

„Offenheit und Dialog sind die besten Rezepte für eine nachhaltige Entwicklung. Mit die größten Fortschritte haben wir da gemacht, wo wir offen genug waren, zuzuhören und unsere eigenen Lösungen infrage zu stellen.“

Und wie wird der Kunde während dieses Prozesses miteinbezogen?

Kunden sind heute Anfangs- und Endpunkt des Innovationsprozesses, gerade wenn es um die Entwicklung von Speziallösungen geht. Wir bei Dow legen Wert auf permanentes Kundenfeedback im Entwicklungsprozess – schließlich müssen unsere Kunden mit dem Ergebnis am Markt erfolgreich sein, wenn wir erfolgreich sein wollen. Das ist auch der Grund dafür, dass die Endverbraucher, also die Kunden unserer Kunden, im Innovationsprozess immer wichtiger werden. Wir müssen das Geschäft unserer Kunden verstehen, wenn wir unser Geschäft ausbauen wollen.

Wie wichtig sind wiederum Innovationen für das Wachstum von Unternehmen in der Chemie- und Pharmabranche?

Innovationen sind nach wie vor das Mittel der Wahl für organisches Wachstum. Sie sind letztlich das einzig wirksame Mittel gegen die Kommoditisierung des Portfolios. Dabei reden wir aus gutem Grund heute lieber von neuen „Lösungen“ als von neuen „Produkten“: Neue Anwendungsmöglichkeiten, verbesserte Eigenschaften und Optimierungen stehen im Vordergrund. Da liegt allerdings ein enormes Potenzial: Wenn es uns gelingt, den Herstellungsprozess in der Verpackungsindustrie um ein paar Minuten zu verkürzen oder die CO2-Bilanz eines Automobils um einige Prozent zu verbessern, dann kann das die Spitzenposition in einem Schlüsselmarkt bedeuten.

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Dieser Beitrag ist im Januar 2017 im Printmagazin perspectives #4 erschienen. Die vollständige Ausgabe erhalten Sie hier.

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