Bildquelle: Infraserv GmbH & Co. Höchst KG / infraserv.com

Wie kann sich die chemisch-pharmazeutische Industrie angesichts weitreichender globaler Veränderungen und der fortschreitenden Digitalisierung zukunftssicher aufstellen? Welche Faktoren sind entscheidend, um nachhaltiges Wachstum generieren zu können? Welche Geschäftsmodelle haben Zukunft, welche nicht?

14.11.2017, Dr. Annika Scharbert

Diese und weitere Fragen wurden am 29. Juni 2017 auf der „perspectives“ unter dem Leitthema „Wachsen, aber wie?“ diskutiert. Die Veranstaltung fand 2017 bereits zum fünften Mal statt. Dabei folgten rund 150 Unternehmensvertreter der Einladung von Infraserv Höchst.

Dr. Joachim Kreysing, Geschäftsführer der Infraserv Höchst, begrüßte die diesjährigen Teilnehmer und führte in das Thema ein: Wachstum in der Chemiebranche sei kein einfaches Unterfangen. Hier müssten aktiv Überlegungen angestellt werden. Besonders lohnenswert sei es dabei, mit Offenheit neue Ideen und Konzepte umzusetzen. Das zeige der Erfolg, den das Konzept „Industrieparkbetreiber“ in den vergangenen 20 Jahren vorweisen kann. Kreysing schloss mit dem Fazit: „Es lohnt sich, mutig zu sein und Veränderungen als Chance zu begreifen, neue Wege zu gehen.“ Dass Unternehmen Chancen ergreifen und sich besser heute als morgen der Veränderung stellen sollten, darin waren sich auch die Referenten einig: Innovation erhöht den Unternehmenswert und ist damit ein wichtiger Motor für Wachstum. Auf den folgenden Seiten haben wir die Inhalte der Referentenvorträge zusammengefasst.

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„Wir müssen die Zukunft gestalten und gleichzeitig die Gegenwart meistern.“

Dr. Joachim von Heimburg, Jvhinnovation

Infraserv Höchst dankt den Referenten und Teilnehmern für die gelungene Veranstaltung.

Wachsen in schwierigen Zeiten
In seiner Keynote ging Dr. Joachim von Heimburg, Innovation Architect und Managing Director von Jvhinnovation, der Frage nach, wie Unternehmen in einem stark veränderten Geschäftsumfeld, der sogenannten VUCA-Welt (volatil, unsicher, komplex, mehrdeutig), heute wachsen können. Dabei verdeutlichte er, warum dies nur mit mehr und besseren Innovationen möglich ist. Die Herausforderung der Unternehmen liege vor allem darin, die Zukunft zu kreieren, während sie gleichzeitig das gegenwärtige Geschäft erfolgreich führen. Hier gelte: „Man muss die richtige Balance finden zwischen dem Führen des laufenden Geschäfts und der Vorbereitung des neues Geschäfts.“ Dabei sieht er Großunternehmen in der Pflicht: Die Unternehmenskultur muss sich weiterentwickeln, um mit den veränderten Bedingungen umzugehen.

Digitalisierung: Das Neue und seine Feinde
Prof. Dr. Gunter Dueck, Mathematiker, Autor, Philosoph, Zukunftsdenker und Satiriker, rief dezidiert zum Umbruch auf. Unternehmerisches Umdenken finge bereits heute an und eine Agenda 2030 könne man schon jetzt umsetzen. Er riet davon ab, sich ausschließlich auf den Business Case zu fokussieren, denn „erst kommt die Technologie, dann der Sinn, die Umsetzung und schlussendlich die Finanzierung“. Umdenken sei kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Dueck prognostizierte, dass sich aufgrund der Digitalisierung und damit einhergehenden neuen Jobprofilen 30 Prozent der Deutschen in Zukunft einen neuen Job suchen müssen.

„Sie müssen eine Idee haben, wo Sie 2030 sein wollen und dann gehen Sie dahin.“

Prof. Dr. Gunter Dueck, Autor und Philosoph

Wachstum in der Praxis – Impulsvorträge und Diskussion

Der Erfolg von GELITA ist kein Zufall, sondern gelebte Strategie
Dr. Franz Josef Konert, CEO von GELITA, erläuterte den Wandel, den sein Unternehmen in den letzten Jahren vollzogen hat. Auf Basis einer Drei-Säulen-Strategie gelang dem Unternehmen schnell eine positive Veränderung hin zu nachhaltigem Wachstum, jedoch ohne den traditionsreichen „genetischen Code“, der GELITA ausmacht, zu verlieren. Zunächst ging es um eine Veränderung der Visionen und Werte durch die Implementierung einer neuen Innovations- und Führungskultur. In den nächsten beiden Schritten wurden Innovationen – von inkrementell bis disruptiv – stark gefördert und das daraus resultierende Wachstum konsolidiert. Die Portfolioumschichtung sowie Effizienz- und Produktivitätssteigerungen zeigten somit Wirkung.

Speed-Up: Transfer von Konzepten in Produkte
In seinem Beitrag hob Dr. Jürgen Stebani, Mitinhaber und CEO der Polymaterials AG, hervor, dass die Start-up Kultur in der Branche nicht besser oder schlechter sei als in anderen Branchen, lediglich anders. Und das könne durchaus von Nutzen sein. Denn Start-ups beschreiten neue Wege in einer Branche, die relativ reglementiert ist. Sie hätten das Potenzial, durch eine Übersetzungsfunktion und als Vehikel für disruptive Innovationen, Veränderungsprozesse zu beschleunigen. Auch deshalb bezeichnete Dr. Stebani sein Unternehmen nicht als Start-, sondern als Speed-up. Im Idealfall agierten junge Unternehmen als feste Innovationspartner im F+E Bereich.

„Die Fähigkeit einer Organisation zur permanenten Veränderung ist der einzig wirksame Schutz für eine Firma. Firmen, die diese Kompetenz nicht als Kernkompetenz entwickeln, werden früher oder später vom Markt verschwinden.“

Dr. Franz Josef Konert, GELITA

Die Rolle eines Standortes im globalen Wettbewerb
Martin Haag , Werkleiter bei Roche Diagnostics in Mannheim, ging der Frage nach, wie ein traditioneller Standort seine Rolle stärken könne, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Er stellte die Neukonzeption des Werks in Mannheim vor: Eine Veränderung der Infrastruktur und städtebauliche Maßnahmen wandeln das Bild nach außen, während die Kompetenzentwicklung in zukunftsweisenden Hochtechnologien, wie Automation oder 3D-Druck, das Leistungsprofil des Standortes schärft. Die Strategie, die Roche in Mannheim verfolgt, ist somit eine ganzheitliche, geleitet von der Idee der Investition in die Zukunft. So habe sich der Standort einen Vorsprung innerhalb des Unternehmens, als auch gegenüber der Konkurrenz erarbeitet, sagte Haag.

„Wenn Sie neue Wege gehen wollen, brauchen Sie neue Vehikel. Großunternehmen fahren Eisenbahn, wir fahren Jeep.“

Dr. Jürgen Stebani, Polymaterials AG

Digitalisierung hat eine Schlüsselrolle
Dr. Helmut Linde, Global Head of Data Science and Analytics bei Merck, strich die Bedeutung der Digitalisierung für alle Bereiche des Unternehmens hervor. Die fortschreitende Digitalisierung biete eine ganze Reihe an Chancen. So hat Merck ein Chief Digital Office etabliert, das den Wandel im Unternehmen und die Vernetzung über das gesamte Unternehmen hinweg vorantreibt. Von künstlicher Intelligenz bis hin zu strategischen Zukäufen setze Merck eine ganzheitliche Digitalisierungsstrategie auf. Linde, dessen Schwerpunkt auf der Datenanalyse liegt, erklärte, dass Data Science es sich zur Aufgabe gemacht habe, mithilfe von Big Data existierende Produkte intelligenter zu machen. Große Digitalisierungstrends müssten somit erkannt und im Unternehmen bereits jetzt verankert werden.

„Wir bereiten uns schon heute auf die Zukunft vor.“

Martin Haag, Roche Diagnostics

Die Präsentationen der Keynotes und Praxisbeiträge waren ein „Aufruf zu Veränderung und zum Umdenken“, resümierte zum Abschluss Lothar Meier von Infraserv, der durch die Veranstaltung führte. Die Referenten waren sich einig: Wenn es um das Wachstum in der Chemie- und Pharmabranche geht, gibt es kein Patentrezept, das für alle gleichermaßen funktioniert. Vielmehr sollten die Unternehmen die Chancen, die der tiefgreifende Veränderungsprozess bietet, nutzen: Ob es sich dabei um die Bereitschaft zur Veränderung selbst handle, darum, dass die Führungsriege ihre wichtige Rolle wahrnimmt, oder um die eingehende Kenntnis des Marktes und der eigenen Fähigkeiten – stets gelte, dass jedes Unternehmen einen strategischen Ansatz verfolgen sollte. Lösungen für konkrete Probleme zu finden und nach der Frage zu agieren, welche Kompetenzen dafür entwickelt werden müssen, ist ein wichtiger Ansatz. Dabei sollte immer das Kundenbedürfnis im Zentrum stehen.

 

Perspectives 2018

Die fortschreitende Digitalisierung wird unsere Arbeits- und Lebenswelt radikal ändern. „Wo bleibt der Mensch?“ lautet deshalb die Kernfrage der perspectives 2018, die am 13. Juni in Frankfurt im Rahmen der ACHEMA-Messe stattfindet.

Sichern Sie sich schon jetzt einen Teilnehmerplatz.

„Wir haben heute technologische Megatrends, die sich zu einem Orkan zusammenbrauen.“

Dr. Helmut Linde, Merck