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Eine hohe Innovationskraft und Veränderungsprozesse durch die Digitalisierung, aber auch ein verhaltenes Wachstum prägen die Branche. Ein Überblick.

14.06.2017, Sebastian Grundke

Kaum eine deutsche Branche ist so groß und behäbig wie die deutsche Chemieindustrie. Doch der Wirtschaftszweig hat die Herausforderungen der Vergangenheit bislang immer gemeistert, etwa die Abwanderungsprozesse der Basischemie in Erdölförderländer oder auch die Energiewende – wenn auch mit viel Aufwand. Nun steht die Branche vor der nächsten Herausforderung: der Digitalisierung. Viele Experten sind sich einig, dass diese vor allem Chancen für die Branche bereithält.

Christian Rammer vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim hat im Auftrag des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) 2016 eine Untersuchung zur Innovationskraft der Branche vorgelegt. Er sieht die Implikationen der Digitalisierung für die Chemiebranche gelassen: „Die Chemie war in Sachen automatisierte Prozesstechnik unter Einsatz von Digitalisierung eigentlich immer Vorreiter“, erklärt er. Deswegen werde es in der Branche durch die Digitalisierung keine größeren Umwälzungen geben. „Eine andere Sache ist das im Bereich von Konsumprodukten: Bisher ist dort die Distanz zum Endkunden eher groß, etwa bei Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmitteln“, sagt er. Dort würden mit Hilfe der Digitalisierung neue Wege erprobt, „etwa, was den kundenspezifischen Zuschnitt von Produkten oder Abonnement-Modelle betrifft“, so Rammer.

„Die Chemie war in Sachen automatisierte Prozesstechnik unter Einsatz von Digitalisierung eigentlich immer Vorreiter.“

Christian Rammer, ZEW

„Die Digitalisierung wird das Arbeiten in vielen Bereichen sehr erleichtern und mehr Flexibilität ermöglichen“, ist BAVC-Hauptgeschäftsführer Klaus-Peter Stiller überzeugt. Stichworte seien etwa mobiles und vernetztes Arbeiten sowie moderne Führung durch Vertrauen und flache Hierarchien. „In der Chemie rechnen wir mit einem weiteren Rückgang körperlicher Tätigkeiten und neuen Möglichkeiten insbesondere in der Forschung und Entwicklung, aber auch im Bereich Maintenance“, sagt Stiller. Der BAVC werde den Wandel gemeinsam mit seinen Mitarbeitern und seinem Sozialpartner gestalten. Nur so könne Akzeptanz für die neue Arbeitswelt geschaffen werden.

Iris Herrmann von der Unternehmensberatung PwC Strategy& weiß, dass die deutschen Chemieunternehmen schon heute in die Digitalisierung und in moderne Prozesstechnik investieren – oder es zumindest vorhaben. „Eine unserer Studien zum Thema Industrie 4.0 hat ergeben, dass die Unternehmen der Chemieindustrie planen, in den nächsten Jahren etwa fünf Prozent des Umsatzes jährlich in die Digitalisierung zu investieren, zum Beispiel in die digitale Steuerung von Prozessen und Produktionsketten“, sagt die Beraterin.

In manchen Teilen der Industrie werde schon umfangreich mit Daten in Echtzeit gearbeitet, in anderen Teilen noch sehr viel manuell gesteuert. „Das Thema Digitalisierung wird aber immer häufiger mit Hochdruck vorangetrieben“, so Herrmann. Es sei auf Managementebene angekommen und würde ernst genommen. Allerdings: „Je größer und etablierter ein Unternehmen ist, umso schwerer fällt es, Prozesse und Arbeitsweisen umzustellen und die Organisation zu transformieren.“

Geringes Wachstum

Tatsächlich hat die deutsche Chemiebranche in Deutschland eine lange Tradition. Sie ist zugleich die drittgrößte Branche in Deutschland (nach Fahrzeug- und Maschinenbau) und trägt mit 2,2 Prozent zur Wertschöpfung der deutschen Volkswirtschaft bei – doppelt so viel wie etwa die Chemie in den USA. Im Jahr 2016 erzielte die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie einen Umsatz von 185 Milliarden Euro und erwirtschaftete dabei einen Außenhandelsüberschuss von 55 Milliarden Euro.

„Das Wachstum der Branche ist zwar vergleichsweise gering“, sagt Henrik Meincke, Chefvolkswirt beim Verband der Chemischen Industrie (VCI). Dies liege aber vor allem daran, dass hierzulande wie auch in anderen entwickelten Volkswirtschaften der Trend weg vom Mengenwachstum bei den großvolumigen Basischemikalien hin zu Spezialchemikalien gehe. „Diese werden zwar in kleineren Mengen hergestellt, ermöglichen aber höhere Margen“, erläutert er.

Neben der Spezialisierung sei auch die hohe Innovationskraft Teil der Stärke der deutschen Chemieindustrie. „Wir sind nicht nur Materiallieferant, sondern bieten unseren Kunden auch innovative Systemlösungen. Und so trägt die Branche mit dazu bei, dass ‚Made in Germany‘ immer noch eine wichtige Rolle auf den Weltmärkten spielt“, sagt Meincke.

„Wir sind nicht nur Materiallieferant, sondern bieten unseren Kunden auch innovative Systemlösungen. Und so trägt die Branche mit dazu bei, dass ‚Made in Germany‘ immer noch eine wichtige Rolle auf den Weltmärkten spielt.“

Henrik Meincke, VCI

Planungssicherheit durch Energiewende eingeschränkt

Kritisch blickt Meincke hingegen auf die Entwicklungen im Energiesektor: „Der Atomausstieg und der massive Ausbau der erneuerbaren Energien sind nationale Alleingänge, die andere so nicht mitgehen“, sagt er. Die Energiewende koste die hiesige Industrie Geld, und zwar zusätzlich zu den Kosten des europäischen Emissionshandelssystems. „Der Strom verteuert sich nicht nur für den Bürger, sondern eben auch für die Industrie“, so Meincke. Zwar gebe es Entlastungsregeln für besonders energieintensive Unternehmen, die mögliche Wettbewerbsnachteile ausgleichen sollen. „Diese werden allerdings nach und nach eingedampft und tragen nicht dazu bei, dass es für die Industrie Planungssicherheit gibt“, sagt Meincke.

Seiner Ansicht nach werden gerade auch wegen der für die Industrie nachteiligen Ausgestaltung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) Investitionen ins Ausland verlagert. „Planungssicherheit ist für Investitionsprojekte eben notwendig. Damit neue und effiziente Produktionsanlagen wieder in Deutschland gebaut werden, plädieren wir für eine grundlegende Reform des EEG und eine Umfinanzierung des künftigen Ausbaus der erneuerbaren Energien aus dem Bundeshaushalt“, erklärt Meincke. Die Steuereinnahmen würden momentan sprudeln, genügend Geld sei also vorhanden.

Fachkräftemangel befürchtet

Die Veränderungsprozesse innerhalb der Branche beschäftigen auch die Arbeitnehmerseite.
Die Gewerkschaft IG BCE geht vor allem davon aus, dass sich aus den Innovationsprozessen und der Digitalisierung zukünftig ein Fachkräftemangel ergeben werde. Hier müsse gegengesteuert werden: „Die Digitalisierung wird die Komplexität der Produktionsprozesse weiter erhöhen und neue und steigende Anforderungen vor allem an die Qualifizierung hervorbringen. Weiterbildung ist ein Schlüsselfaktor, damit die Beschäftigten ihren Beruf auch in Zukunft ausüben können und die Unternehmen den Fachkräftebedarf sichern. Deshalb brauchen wir eine Qualifizierungsoffensive auf allen Ebenen“, so die Pressesprecherin der IG BCE.

Ähnlich sieht das auch der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC). Es müsse schlicht eine Entsprechung zu dem geben, was unter dem Schlagwort Industrie 4.0 bekannt sei: „Der digitale Wandel ist eine große Chance für die Chemie, ihren Erfolg und ihre Zukunftsfähigkeit“, sagt BAVC-Hauptgeschäftsführer Klaus-Peter Stiller. Entscheidend sei, dass Mitarbeiter auf dem Weg in die Arbeitswelt 4.0 nicht verunsichert, sondern als Partner für Veränderungen gewonnen würden.

„Der digitale Wandel ist eine große Chance für die Chemie. Entscheidend ist, dass Mitarbeiter auf dem Weg in die Arbeitswelt 4.0 nicht verunsichert, sondern als Partner für Veränderungen gewonnen werden.“

Klaus-Peter Stiller, BAVC

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