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Wie einst die Erfindung des Penicillins läutet die Digitalisierung eine neue Ära in der Pharmageschichte ein. Sie wird vielen Menschen zu einem längeren Leben mit höherer Lebensqualität verhelfen. Die Branche sollte daher die neuen Chancen angehen.
01.01.2017, Dr. Bernhard Rohleder / Bitkom

Die Digitalisierung verändert unsere Wirtschaft radikal – und die Pharmabranche bildet hier keine Ausnahme. Digitale Technologien können enormen Nutzen für die Gesundheit und die medizinische Versorgung bringen. Das belegt eine repräsentative Befragung, die der Bitkom vergangenes Jahr unter Geschäftsführern und Vorständen von Pharmaunternehmen durchgeführt hat. Die große Mehrheit erwartet, dass digitale Technologien dazu beitragen werden, Leiden wie Krebs zu besiegen und die Lebenserwartung der Menschen zu verlängern. Die Experten sind außerdem der Meinung, dass Krankheiten künftig besser vorgebeugt und so auch die Einnahme klassischer Medikamente reduziert wird.

Wenn klassische Medikamente dank digitaler Technologien weniger wichtig werden – muss das die Pharmabranche beunruhigen? Nein, denn die Digitalisierung ist keine Bedrohung. Im Gegenteil: Sie ist eine riesige Chance. Denn genauso wie alte Geschäftsmodelle verschwinden, können neue entstehen – wenn die Weichen dafür gestellt werden. Das muss jetzt geschehen.

Dr. Bernhard Rohleder

ist Hauptgeschäftsführer des Digitalverbands Bitkom.

Individualisierte Medizin

Der wichtigste Trend: Pharmaunternehmen werden künftig nicht mehr in erster Linie Medikamentenhersteller sein, sondern Angebote „beyond the pill“ entwickeln. Ansätze hierfür gibt es reichlich: So sagen 97 Prozent der Pharmaexperten, dass sogenannte Lifestyleprodukte wie Nahrungsergänzungsmittel in zehn Jahren einen bedeutenden Umsatzanteil bei Pharmaunternehmen ausmachen werden. Zudem werden die Konzerne selbst Digitalprodukte wie zum Beispiel Apps, die bei der Medikamenteneinnahme unterstützen, anbieten. Und das ist erst der Anfang.

Von elementarer Bedeutung für den unternehmerischen Erfolg von Pharmakonzernen werden Daten sein – etwa zu Krankheitsverläufen oder der Wirkweise von Medikamenten. Sie sind die Basis, auf der zahlreiche Geschäftsmodelle aufbauen werden. Das wohl größte Potenzial bietet individualisierte Medizin. Die Individualität von Patienten wird bislang in der Therapie kaum berücksichtigt. Patienten bekommen in der Regel ein Medikament „von der Stange“. Entstehung und Verlauf von Krankheiten sind aber von vielen individuellen Parametern abhängig wie Erbgut, Lebensstil, Geschlecht, Alter. All diese Daten werden künftig analysiert – herauskommt dann ein Medikament, das passgenau auf den Patienten zugeschnitten ist.

Möglich wird das auch durch die Digitalisierung der Produktion. Die jetzigen Produktionslinien sind vor allem noch auf Massenfertigung ausgerichtet. Voraussetzung für die Herstellung individualisierter Medikamente ist die Umstellung auf Industrie 4.0. Das gilt für Möbel oder Kleidung und eben auch für Medizin.

Auch die Auswertung von Social-Mediaoder App-Daten zu Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten wird künftig eine verbreitete Methode sein. Nicht zuletzt werden Pharmaunternehmen vermehrt Dienstleistungen erbringen, zum Beispiel Gesundheitsdaten zur Entwicklung von neuen medizinischen Behandlungsformen oder für das Therapiemonitoring auswerten. All das sind große Herausforderungen. Dahinter stecken jedoch auch riesige Wachstumschancen, die jedes Unternehmen in der Pharmabranche ergreifen sollte, ja ergreifen muss.

„Die Individualität von Patienten wird bislang in der Therapie kaum berücksichtigt. Patienten bekommen in der Regel ein Medikament „von der Stange“. Entstehung und Verlauf von Krankheiten sind aber von vielen individuellen Parametern abhängig wie Erbgut, Lebensstil, Geschlecht, Alter.“

Zu starke Regulierungen hemmen den Fortschritt

Doch so groß die Chancen sind – es gibt auch Hemmnisse. Kann dieses Potenzial wirklich realisiert werden? Zwei Drittel der Pharmamanager sind etwa der Meinung, dass die starke Regulierung im Gesundheitssektor Innovationen entgegensteht. Zudem mangelt es bei den Patienten erstaunlicherweise an Bereitschaft, Geld für ihre Gesundheit auszugeben. Weitere Hürden können der Mangel an Spezialisten mit IT-Kenntnissen, fehlendes Kapital für Forschung und Entwicklung in den Unternehmen und zu strenge datenschutzrechtliche Vorschriften sein. Der Datenschutz hat einen hohen Stellenwert, alle Lösungen brauchen schließlich das Vertrauen der Patienten. Doch die Regeln dürfen nicht so sein, dass neue und sinnvolle Therapien durch den Datenschutz verhindert werden.

Die Digitalisierung hat auch Auswirkungen auf die Wettbewerbssituation. Neu in den Markt eintretende Start-ups, zum Beispiel aus dem Biotechbereich, betrachten bereits 69 Prozent der Pharmamanager als größte Konkurrenz für disruptive Neuentwicklungen in ihrer Branche. Internationale Mitbewerber aus der Pharmabranche werden kaum bedeutender eingestuft. Nationale Mitbewerber aus der Pharmabranche liegen auf dem dritten Platz. Auch Onlinehändler oder Onlineapotheken werden als ernst zu nehmende Wettbewerber wahrgenommen, genauso wie große Unternehmen aus der Digitalbranche.

Branche blickt optimistisch in die digitale Zukunft

Trotz der neuen Konkurrenzsituation und eventueller Hemmnisse ist die Branche optimistisch, dass sie in zehn Jahren im internationalen Vergleich beim Thema Digitalisierung gut aufgestellt sein wird. 43 Prozent sehen die deutsche Pharmabranche in der Spitzengruppe, 9 Prozent sogar als weltweit führend. Wichtig ist, dass jetzt die Voraussetzungen geschaffen werden, um die Chancen dieser digitalen Revolution zu nutzen.

Eine eigene Digitalstrategie ist dabei essenziell, und hier sind die Pharmaunternehmen gut aufgestellt: 50 Prozent erklären, dass sie eine zentrale Strategie für verschiedene Aspekte der Digitalisierung haben, 23 Prozent immerhin in einzelnen Bereichen. Doch ein gutes Drittel steht noch ganz ohne Digitalstrategie da. Diese Unternehmen müssen jetzt aufholen. Denn vom Potenzial für die Branche sind so gut wie alle überzeugt: 97 Prozent der Pharmamanager sehen die Digitalisierung als Chance.

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Dieser Beitrag ist im Januar 2017 im Printmagazin perspectives #4 erschienen. Die vollständige Ausgabe erhalten Sie hier.

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