Die Topentscheider der Chemiebranche sind positiv gestimmt – und das trotz einiger Unsicherheiten. Doch wie steht es um das Thema Digitalisierung? Werden die Potenziale schon erkannt? Ein Überblick.

01.02.2016, Dr. Sven Mandewirth / Camelot Management Consultants

Die Zufriedenheit der Chemiemanager mit dem Standort Deutschland hat ein neues Rekordniveau erreicht: In der jüngsten CHEMonitor-Befragung bewerten fast 90 Prozent der Studienteilnehmer den Standort Deutschland mit „gut“ oder „sehr gut“. Für das Trendbarometer CHEMonitor der Fachzeitschrift CHEManager und der Strategie- und Organisationsberatung Camelot Management Consultants werden regelmäßig über 200 Topentscheider der deutschen Chemieindustrie befragt. Überraschend ist der positive Blick in die Zukunft. Stark schwankende Märkte, eine unsichere konjunkturelle Entwicklung in China und zu hohe Überkapazitäten in vielen Segmenten der globalen Chemiebranche sollten eigentlich für schlechtere Stimmung sorgen. Dennoch erwarten rund 85 Prozent der Umfrageteilnehmer im Jahr 2016 eine Umsatzsteigerung für das eigene Unternehmen – das sind 13 Prozentpunkte mehr als noch vor einem Jahr. Etwas über 70 Prozent gehen von einem steigenden Ergebnis aus, was einer Steigerung von 10 Prozentpunkten entspricht. Die optimistische Einschätzung spiegelt sich auch in der Beschäftigungsprognose wider: Rund 40 Prozent (+ neun Prozentpunkte) der Befragten erwarten steigende Beschäftigungszahlen für das Jahr 2016.

Dr. Sven Mandewirth

ist Partner bei Camelot Management Consultants.

Gute Noten für den Standort Deutschland

Die Entwicklung bei der Bewertung einzelner Standortfaktoren unterstreicht den Trend nach oben. Wie schon bei der vorherigen Umfrage im Januar 2015 bewerten knapp neun von zehn Managern in der chemischen Industrie die „Qualität von Forschung und Entwicklung“ und die „Qualifikation von Arbeitnehmern“ positiv (Abbildung 1). Die Beurteilungen des „rechtlichen und politischen Umfelds“, der „Rohstoffverfügbarkeit“, der „Attraktivität des Marktes“ sowie von „Infrastruktur und Logistik“ haben sich leicht verbessert (+ zwei bis + fünf Prozent). Insgesamt liegen die Bewertungen dieser vier Standortfaktoren weiterhin im oberen Mittelfeld der Ergebnisse.

Am schlechtesten bewertet wurden erneut die „Arbeitskosten“, die „Unternehmensbesteuerung“ sowie die „Energiekosten“. Die Arbeitskosten wurden von 24 Prozent der Teilnehmer, und damit gleichbleibend zur vergangenen Umfrage, negativ eingeschätzt. Die negativen Bewertungen der Energiekosten haben sich hingegen um sechs Prozentpunkte merklich reduziert, der Anteil der positiven Antworten hinsichtlich dieses Standortfaktors ist um fünf Prozentpunkte gestiegen. Der Standortfaktor „Unternehmensbesteuerung“ wurde insgesamt leicht schlechter bewertet.

Bei der Bewertung der „Attraktivität des Marktes“ in Deutschland setzt sich der positive Trend seit Oktober 2013 auch bei der aktuellen Befragung fort (Abbildung 2, Seite 66). Nachdem im Januar 2015 80 Prozent der befragten Verantwortlichen in der chemischen Industrie die Marktattraktivität als „gut“ oder „sehr gut“ bewertet haben, waren es im Oktober 2015 bereits 85 Prozent der Befragten.

Chemiemanager investieren in Deutschland

Das Vertrauen in den Standort Deutschland spiegelt sich auch bei der Frage nach den Investitionen wider: Meistgenannte Region für Investitionen ist mit einigem Abstand Deutschland (75 Prozent), gefolgt von Westeuropa (43 Prozent), Nordamerika (38 Prozent), China (39 Prozent) und Asien (35 Prozent). Der Vergleich zur letzten Umfrage zeigt, dass die Investitionen in den Regionen China und Südamerika zurückgegangen sind, was mit den erwarteten Konjunkturabschwächungen in den genannten Märkten einhergeht. Mit Abstand am wenigsten investiert werden soll in Südamerika (13 Prozent), Osteuropa (16 Prozent) und Afrika (zwei Prozent).

Standortfaktor Digitalisierung

„Standort Deutschland – alles gut!“, könnte man also denken. Aber: Laut einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Oxford Economics ist der Anteil des Chemiestandortes Deutschland am globalen Exportmarkt in den letzten beiden Jahrzehnten gesunken. Der Rückgang der deutschen Marktanteile lässt sich vor allem auf den Verlust an globaler Wettbewerbsfähigkeit zurückführen.

Die bedeutenden Veränderungen, denen sich die chemische Industrie in bisher unbekanntem Ausmaß gegenüber sieht, werden es dem Standort Deutschland noch schwerer machen, sich gegenüber dem Wettbewerb zu behaupten. Neu ist vor allem die Schnelligkeit, mit der sich Einkaufs- und Absatzmärkte, Kundenbedürfnisse und Technologien verändern. Um langfristig global attraktiv zu bleiben, muss es Deutschland gelingen, die guten Standortbedingungen in echte Wettbewerbsvorteile umzuwandeln. Die Digitalisierung bietet die Möglichkeiten dazu, gefragt ist nun die konsequente Umsetzung.

Weltweit werden immer mehr Daten miteinander verknüpft und dabei neue Dienstleistungen und Produkte geschaffen. Mobile Internetnutzung, Social Media und Cloud Computing verändern bestehende Geschäftsprozesse und -modelle. Auch die Chemieindustrie ist von diesen Entwicklungen massiv betroffen: Industrie 4.0 – die vernetzte Produktion – hat das Potenzial, Wertschöpfungsketten grundlegend neu zu gestalten. Aber wie steht es in der deutschen Chemiebranche um den digitalen Wandel? Sind wir schon auf dem Weg zu einer „smarten“ Chemie?

„Dennoch erwarten rund 85 Prozent der Umfrageteilnehmer im Jahr 2016 eine Umsatzsteigerung für das eigene Unternehmen.“

Abbildung 1: Wie beurteilen Sie den Standort Deutschland in Bezug auf folgende Standortfaktoren?

Quelle: CHEMonitor, November 2015

Abbildung 2: Wie beurteilen Sie den Standort Deutschland in Bezug auf die Attraktivität des Marktes (in Prozent)?

Quelle: CHEMonitor, November 2015

Digitaler Wandel – die Chemie wartet noch ab

Die deutliche Mehrheit der befragten Manager ist der Meinung, dass die Vorteile der Digitalisierung für die Chemiebranche überwiegen. Die Realität zeigt jedoch: Obwohl die Mehrheit der deutschen Chemieunternehmen die Digitalisierung als vorteilhaft einschätzt, beschäftigen sich weniger als die Hälfte der Unternehmen aktiv mit der Erarbeitung von Konzepten oder der Implementierung von technischen Lösungen. Nur 29 Prozent der Befragten stammen aus Unternehmen, in denen digitale Technologien bereits genutzt werden. Etwa ein Fünftel der Unternehmen entwickeln bereits Konzepte für die Anwendung, während die Mehrheit die Entwicklung bislang nur beobachtet (Abbildung 3, Seite 67).

Die Ergebnisse der Befragung unterstützt auch Dr. Matthias Blum, seit April 2015 für das Thema Digitalisierung beim Verband der Chemischen Industrie (VCI) verantwortlich. „Für viele Chemieunternehmen ist das Thema Industrie 4.0 noch Neuland. Sie befinden sich in einer frühen Phase der Bearbeitung, sind sich aber bewusst, dass die fortschreitende Digitalisierung durchaus ähnlich gravierende Auswirkungen auf die Branche haben kann wie die Globalisierung“, so Blum.

Abbildung 3: Welche Bedeutung hat das Thema Digitalisierung aktuell für Ihr Unternehmen?

Quelle: CHEMonitor, November 2015

Hoher Investitionsbedarf in den nächsten Jahren

Von daher wundert es nicht, dass knapp die Hälfte der Panelteilnehmer in den nächsten fünf Jahren von einem erhöhten Investitionsbedarf aufgrund der Digitalisierung ausgeht. Ein Teil dieser Investitionen sollte sich jedoch durch Kostensenkungen und Umsatzsteigerungen bereits im gleichen Zeitraum amortisieren, sagen 25 Prozent beziehungsweise 22 Prozent der Befragten.

Investitionen in die Harmonisierung und Pflege von Stammdaten sowie in die Automatisierung der Mess- und Regeltechnik werden als besonders erfolgskritisch für die Umsetzung der Digitalisierung angesehen. Jeweils ein Viertel der befragten Entscheider hält Investitionen in die Einführung einheitlicher IT-Systeme und eine Vereinheitlichung von Geschäftsprozessen für bedeutsam. Die Qualifizierung von Mitarbeitern erachtet dagegen nur ein Fünftel als erfolgskritisch. Und nur jeder zehnte Manager hält die Standardisierung des Produktportfolios für notwendig, damit sein Unternehmen vom digitalen Wandel profitieren kann.

„Investitionen in die Harmonisierung und Pflege von Stammdaten sowie in die Automatisierung der Mess- und Regeltechnik werden als besonders erfolgskritisch für die Umsetzung der Digitalisierung angesehen.“

Herausforderung Datenschutz

Insgesamt messen die Chemiemanager der Digitalisierung eine hohe Bedeutung bei der Effizienz- und Produktivitätssteigerung in der Lieferkette zu. So lassen sich etwa mit smarten Technologien logistische Prozesse optimieren oder durch die Analyse von Maschinendaten Instandhaltungsintervalle verlängern und so die Verfügbarkeit von Maschinen erhöhen. Doch gerade bei der Nutzung von Maschinendaten besteht eine große Verunsicherung in der Branche. Während Personendaten durch einschlägige Gesetzgebungen geschützt sind, sind Nutzungsrechte und Datenschutz von Maschinendaten nicht reglementiert.

Von Industrie 4.0 ist der Chemiestandort Deutschland also noch entfernt. Dennoch scheint die Bedeutung der Digitalisierung in den Köpfen der Entscheider allmählich anzukommen. Es ist höchste Zeit, dass der digitale Wandel in Angriff genommen wird. Denn nur ein wettbewerbsfähiger Chemiestandort ist auch zukünftig ein guter Chemiestandort.

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Dieser Beitrag ist im Februar 2016 im Printmagazin perspectives #3 erschienen. Die vollständige Ausgabe erhalten Sie hier.

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