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Prognosen zeigen, dass sich das Wachstum in der Pharmaindustrie beschleunigt und der M&A-Trend weiter zunehmen wird. Welche Handlungsempfehlungen ergeben sich daraus für die Branche?

01.01.2017, Yorck Dietrich / Camelot Management Consultants

Der pharmazeutischen Industrie geht es ganz hervorragend. Noch besser: Am Wachstumstrend wird sich so schnell nichts ändern. Das spiegeln nicht nur die Kurse börsennotierter Pharmaunternehmen wider, die spätestens seit etwa 2010 einen klaren Aufwärtstrend zeigen. Auch die Erwartungen von Pharmamanagern drücken Zuversicht für die Zukunft aus, jedenfalls was das Wachstum betrifft. Das ist das Ergebnis des Pharma Management Radar von Camelot, einer Befragung, an der im Februar 2016 Manager aus Pharmaunternehmen in 13 Ländern teilnahmen.

Ist damit alles in Ordnung? Nein, denn das gegenwärtige Wachstum ist mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Mit dem Umsatz steigen auch Komplexität und die damit zusammenhängenden Kosten in der Supply Chain. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt der wachsende Anteil von Biopharmazeutika. Nur wenn es gelingt, die höheren Anforderungen an die Supply Chain zu bewältigen, wird sich das Wachstum auch ungebrochen in den Ergebnissen der Pharmaunternehmen niederschlagen.

Yorck Dietrich

ist Principal bei Camelot Management Consultants.

Positives Geschäftsklima

Anfang 2016 beurteilten 92 Prozent der befragten Pharmamanager das Geschäftsklima für die Life-Science-Branche in Europa als „gut“ oder „überwiegend gut“. Das ist noch eine Steigerung gegenüber der letzten Befragung ein halbes Jahr vorher. Dabei war die Zufriedenheit bei den Herstellern von Generika noch etwas ausgeprägter als bei Managern forschender Pharmaunternehmen („Innovators“). Das ist darauf zurückzuführen, dass Kostenrisiken und regulatorische Risiken Letztere stärker betreffen. Beide Gruppen gehen auch davon aus, dass das Geschäftsklima gut bleibt oder sich sogar noch verbessert. Mehr als 90 Prozent erwarten, dass die Umsätze weiter wachsen, immerhin ein Drittel rechnet sogar mit Steigerungen von mehr als fünf Prozent in diesem Jahr. Auch beim Ertrag (EBIT) rechnen drei Viertel der Teilnehmer mit einer Steigerung.

Regional gesehen gelten die USA, Deutschland und Großbritannien als besonders vielversprechende Wachstumsmärkte. Unter den Emerging Markets wird China weiterhin positiv beurteilt. Allerdings reflektieren die etwas gedämpften Erwartungen die Befürchtungen einer weiteren gesamtwirtschaftlichen Wachstumsabschwächung. Aber auch Indien und Afrika werden als aussichtsreiche Märkte angesehen. Es ist nicht verwunderlich, dass die USA, Deutschland und China auch bei den Investitionsplänen der befragten Pharmaunternehmen für das laufende Jahr ganz oben rangieren.

Typisch für den fortgeschrittenen Zyklus ist es, dass Mergers & Acquisitions, die bereits 2015 einen Höhepunkt erreichten, nach den Erwartungen der Industrie nicht nur anhalten werden, sondern dass die Zahl der Transaktionen sogar noch wachsen soll. Der Wunsch nach beschleunigtem Wachstum steht dabei im Vordergrund; bei den Innovatoren geht es stärker um Zugang zu neuen Produkten, während Generikahersteller verstärkt ganz neue Therapiegebiete für sich erschließen möchten.

„Die Forschungserfolge bei Biopharmazeutika beflügeln die Wachstumserwartungen, sie stellen aber auch Prozesse, die Organisation und Kostenstrukturen der Pharmaunternehmen vor besondere Herausforderungen.“

All diese optimistischen Erwartungen werden verständlich, wenn man bedenkt, dass das Risiko auslaufender Patente und einer schwächeren Pipeline, das die Pharmaindustrie nach 2000 zurückwarf, nur noch von 27 Prozent der Teilnehmer als besonders drängend empfunden wird. Das Wachstum bei innovativen Medikamenten in den etablierten Märkten wird in zunehmendem Maße von Biopharmaka getragen. Sie haben zwar erst einen Marktanteil von etwa 20 Prozent, wachsen aber mit 8 Prozent pro Jahr doppelt so stark wie der Markt für herkömmliche Pharmazeutika.

Neue Herausforderungen durch Biopharmaka

Die Forschungserfolge bei Biopharmazeutika beflügeln die Wachstumserwartungen, sie stellen aber auch Prozesse, die Organisation und Kostenstrukturen der Pharmaunternehmen vor besondere Herausforderungen. Während die Volumina der einzelnen Wirkstoffe gering sind, steigen die Anforderungen an die Supply Chain. Bei geringeren Volumina sind die Lead-Times oft länger, vor allem aber erfordern Biopharmaka zumeist eine Kühlketten- Logistik (Cold Chain), wozu auch verschärfte regulatorische Anforderungen beitragen. So soll der Anteil an Medikamenten, bei denen die Kühlkette ein- gehalten werden muss, von heute 20 – 25 auf etwa 40 Prozent 2020 steigen. Diese Herausforderungen werden von den Pharmaunternehmen klar erkannt. Unter den Faktoren, die zu einer höheren Komplexität der Supply Chain beitragen, werden im Management Radar vorrangig genannt:

  • Höhere Volatilität der Nachfrage
  • Steigende Zahl an Umetikettierungen (Label Changes)
  • Geringere Volumen pro bestandsführender Einheit (SKU)
  • Höherer Anteil von Medikamenten mit Cold-Chain-Anforderungen

Allgemeiner gesprochen, müssen die Pharmaunternehmen geringere Volumina zu höheren Kosten abwickeln („handle lower volumes at higher cost“). Neben dem steigenden Anteil der biotechnologisch hergestellten Medikamente wirkt sich auch das Wachstum der Emerging Markets auf die Komplexität der Supply Chains aus. Hier geht es vielfach darum, eine Transport- und Lagerstruktur aufzubauen, die westlichen Qualitätsstandards genügt. Spezialisierte Logistikdienstleister eröffnen oft erst den Zugang zu diesen Märkten.

„Regional gesehen gelten die USA, Deutschland und Großbritannien als besonders vielversprechende Wachstumsmärkte. Unter den Emerging Markets wird China weiterhin positiv beurteilt.“

Schließlich ist zu erwarten, dass Staaten beziehungsweise Gesundheitssysteme auf die steigenden Kosten für Medikamente, nicht zuletzt durch relativ teure Biopharmaka, über kurz oder lang mit Einsparungsbemühungen reagieren werden. Das kann auch auf eine Verlagerung der Nachfrage auf Biosimilars führen, insbesondere in den Entwicklungsländern. Auf der anderen Seite führen immer schärfere Regulierungen oder deren engere Auslegung zu stärkerem Kostendruck für Pharmaunternehmen. Dergestalt in die Zange genommen, ist es kein Wunder, dass die befragten Pharmamanager im Kostendruck und in verschärften regulatorischen Anforderungen die größten Risiken für ihre Branche sehen. Damit geht auch einher, dass die Erwartungen an das EBIT-Wachstum für 2016 zwar insgesamt positiv, aber doch etwas verhaltener sind als beim Umsatzwachstum.

Flexibilität und differenziertere Supply Chains

Gute Wachstumserwartungen, aber steigende Kostenrisiken – so lässt sich das Bild, das der Pharma Management Radar zeichnet, schlagwortartig zusammenfassen. Wie werden Pharmaunternehmen auf diese Herausforderung reagieren? Die möglichen Antworten liegen sowohl in Verbesserungen der Produktion, der Supply Chain und Logistik, aber auch verstärkten Wertschöpfungspartnerschaften, also Veränderungen im Betriebsmodell der Unternehmen.

In der Produktion reichen die Optionen vom Aufbau flexiblerer Produktionsnetzwerke über die Anwendung von Lean- Manufacturing-Ansätzen bis hin zu verstärktem Outsourcing der Produktion auch von Biopharmaka, da Bio-Auftragssynthese zunehmend verfügbar ist. Ansätze des Lean-Supply-Chain-Managements können zur besseren Anlagenauslastung beitragen. Ein weiteres Zauberwort im Supply-Chain- Management lautet „differenzierte Supply Chains“. Kriterien für die Differenzierung können beispielsweise Kundenanforderungen, Produktkategorien, wie etwa verschreibungspflichtig versus frei verkäuflich, oder Produktanforderungen sein. So groß das Interesse an diesem Thema ist, so sehr befindet sich die Branche noch in einem Tast- und Suchprozess bei der Umsetzung.

„Ein weiteres Zauberwort im Supply-Chain- Management lautet „differenzierte Supply Chains“. Kriterien für die Differenzierung können beispielsweise Kundenanforderungen, Produktkategorien oder Produktanforderungen sein.“

Die Optimierung der Transportnetzwerke, gerade auch im Hinblick auf die Emerging Markets, bietet weitere Möglichkeiten der Verbesserung. Überprüfungen der Supply Chain unter Risikogesichtspunkten wie beispielsweise Diebstahl, Fälschung, Einhaltung der Kühlkette, sind ebenso notwendig wie der Ausbau von „Track & Trace“-Fähigkeiten. In dem Maße, in dem sich die Pharmaunternehmen externer Partner bedienen, zum Beispiel, um schnelleren Marktzugang zu erlangen, nimmt die Lieferantenqualifizierung an Bedeutung zu. Dass die Pharmaunternehmen in diesen Kategorien denken, zeigt der Umstand, dass 78 Prozent von ihnen Leistungen in höherem Maße extern zukaufen wollen – bei innovativen Unternehmen ist dieser Anteil am höchsten.

Chancen für Dienstleister

Neben der Aufwertung des Themas Supply Chain in Pharmaunternehmen zeichnen sich also gute Chancen für spezialisierte Pharmadienstleister ab, sowohl auf globaler Ebene als auch in etablierten Märkten, beispielsweise an Pharmastandorten in- und außerhalb von Industrieparks. Der Branche zu helfen, geringere Volumina mit höheren Anforderungen und unter verschärftem Kostendruck zu bewältigen, kurz: Komplexität zu beherrschen, eröffnet Möglichkeiten für erfolgreiche Wertschöpfungspartnerschaften.

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Dieser Beitrag ist im Januar 2017 im Printmagazin perspectives #4 erschienen. Die vollständige Ausgabe erhalten Sie hier.

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