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Die deutschen Chemie- und Pharmaunternehmen stehen vor einem exzellenten Geschäftsjahr. Die Branche wünscht sich nur eines von der Politik: höhere Ausgaben für Bildung und Forschung, um den wirtschaftlichen Erfolg auch langfristig zu sichern.

14.11.2017, Harald Czycholl

Ein Gewirr von Rohrleitungen, Containern und Kränen und eine Skyline aus rauchenden Schloten und feuerspeienden Schornsteinen: Vor allem in der Abenddämmerung verheißt das BASF-Werk in Ludwigshafen, das größte zusammenhängende Chemieareal der Welt, Industrieromantik pur. Aber im Unterschied zum Ruhrgebiet, wo Industrieromantik vor allem mit verfallenden Zechen und verlassenen Fabriken assoziiert wird, brummt hier auch das Geschäft: Im zweiten Quartal dieses Jahres verzeichnete Weltmarktführer BASF 16,3 Milliarden Euro Umsatz – ein Plus von 12 Prozent im Vorjahresvergleich.

Damit liegt BASF im Branchentrend, denn die Geschäfte in der chemisch-pharmazeutischen Industrie laufen insgesamt deutlich besser als noch 2016: Um 5 Prozent erhöhte sich in den ersten sechs Monaten das Wachstum in der drittgrößten Branche in Deutschland; 96,9 Milliarden Euro setzten die Unternehmen um, heißt es in der Halbjahresbilanz des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Dank einer hohen Kapazitätsauslastung (87 Prozent) und anziehender Ölpreise stiegen die Erzeugerpreise im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent, während die Produktion um 1,5 Prozent zulegte. Mit Ausnahme der petrochemischen Grundstoffe (minus 3,5 Prozent) verzeichneten dabei alle Sparten einen Mengenzuwachs.

„Die aktuelle Lage ist positiv. Wir erwarten auch für die zweite Jahreshälfte anhaltend gute Geschäfte im In- und Ausland“, sagt VCI-Präsident Kurt Bock, der zugleich Vorstandsvorsitzender der BASF ist. In allen für die deutsche Chemie wichtigen Auslandsmärkten rechnen die Unternehmen bis ins kommende Jahr hinein mit einem stabilen Wirtschaftswachstum. „Das gilt nicht nur für Europa, sondern auch für unseren wichtigsten Handelspartner, die USA“, erklärt Bock.

„Die aktuelle Lage ist positiv. Wir erwarten auch für die zweite Jahreshälfte anhaltend gute Geschäfte im In- und Ausland.“

Kurt Bock, VCI

Zahlreiche Neuzulassungen auf dem Markt

Auch beim Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa) dominiert der Optimismus. Der Grund: Die Pharmaunternehmen haben zahlreiche neue Medikamente in der EU zur Zulassung eingereicht oder können diese nach bereits erteilter Zulassung auf den deutschen Markt bringen. „Für 2017 zeichnen sich weitere Fortschritte für viele Patientinnen und Patienten ab. Ebenso dürften sich die Möglichkeiten erweitern, Infektionen vorzubeugen“, sagt Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands.

Der Verband rechnet mit der Einführung von mindestens 30 Medikamenten mit neuem Wirkstoff in Deutschland. Rund ein Drittel der neu eingeführten Medikamente dient der Behandlung verschiedener Krebsarten, darunter unter anderem Lungenkrebs und verschiedene Leukämieformen. Die neuen Medikamente nutzen ein breites Repertoire an Wirkprinzipien. „Die Pharmaforscher unserer Unternehmen konzentrieren sich bewusst nicht nur auf eine Wirkweise, sondern versuchen, für jede Krebsart möglichst mehrere Behandlungsarten zu ermöglichen“, so Fischer. Medikamente mit neuen Wirkstoffen und verschiedenen Wirkweisen wiederum versprechen bei den Pharmafirmen klingelnde Kassen. Denn neue Medikamente genießen Patentschutz und sehen sich somit keinem Preiswettbewerb mit Generikaherstellern ausgesetzt. Das verschafft den Herstellern hohe Umsätze.

Dementsprechend gesund sind die Unternehmen der Branche. So liegt die Eigenkapitalquote der chemischen Industrie laut Informationen des Branchendienstes des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) mit rund 40 Prozent deutlich über der Eigenkapitalquote der anderen Branchen im verarbeitenden Gewerbe und hat sich über die vergangenen Jahre kontinuierlich Jahr für Jahr gesteigert. Die Betriebe aus der chemischen Industrie gehören somit zu den am besten mit Eigenkapital ausgestatteten Unternehmen in Deutschland und folgen trotz der sehr günstigen Konditionen zur Fremdkapitalisierung weiterhin dem Trend zur höheren Eigenkapitalisierung. Parallel zur Entwicklung der Eigenkapitalausstattung sind die Bankverbindlichkeiten der chemischen Industrie, dem Branchenreport zufolge, über einen längeren Zeitraum stetig gesunken und liegen nunmehr bei durchschnittlich rund 15 Prozent der Bilanzsumme.

„Die Pharmaforscher unserer Unternehmen konzentrieren sich bewusst nicht nur auf eine Wirkweise, sondern versuchen, für jede Krebsart möglichst mehrere Behandlungsarten zu ermöglichen.“

Birgit Fischer, vfa

Emissionshandel als Risiko

Das wiederum schlägt sich auch im Kreditausfallrisiko nieder: Die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie wird seit langem mit einem sehr geringen Ausfallrisiko bewertet: Der aktuelle Creditreform Risiko-Indikator (CRI) aus dem Jahr 2015 lag für die Betriebe der deutschen Chemieindustrie mit einem Wert von 1,0 Prozent und für die pharmazeutische Industrie mit nur 0,6 Prozent im Vergleich zur Gesamtwirtschaft (1,64 Prozent) sehr niedrig. Dennoch sieht sich die Branche auch mit Risiken konfrontiert: Der DSGV-Branchendienst hält den von der EU-Kommission beschlossenen Emissionshandel in Verbindung mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) als „größte Bedrohung für langfristige Wachstumsszenarien“. Die Belastungen für die deutschen Chemieunternehmen aus dem Emissionshandel, dem EEG sowie der Stromsteuer lagen trotz Entlastungsregelungen bereits 2015 bei über 1,6 Milliarden Euro.

Eine steuerliche Absetzbarkeit von direkten Forschungsausgaben der Unternehmen sei ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt zur langfristigen Schaffung von attraktiven Rahmenbedingungen für die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland, heißt es im DSGV-Branchenreport. Ein Aspekt, dem auch VCI-Präsident Bock große Bedeutung beimisst: Ziel sollte es sein, mittelfristig den Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland von heute 3 auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen. Dafür müsse die seit Jahren stagnierende Projektförderung des Staates ausgebaut werden. Eine steuerliche Forschungsförderung werde mehr Innovationsanreize in den Unternehmen setzen, darüber bestehe inzwischen ein breiter politischer Konsens der Parteien, betont der VCI-Präsident. Eine maximale Wirkung entfalte dieses Instrument jedoch erst dann, wenn es alle Unternehmen – große und kleine – einbeziehe.

Zudem appelliert Bock an die Politik, mehr in Bildung zu investieren. Schulen und Universitäten müssten finanziell und personell besser ausgestattet werden, um die Qualität von Unterricht und Lehre zu verbessern. Die Bildungsausgaben in Deutschland würden in Relation zum Bruttoinlandsprodukt deutlich unter dem OECD-Durchschnitt liegen. „Ein Bildungsschlusslicht kann auf Dauer kein Innovationsweltmeister werden“, so der VCI-Präsident. „Das müssen wir aber, wenn wir die Stärke des Standorts Deutschland halten wollen.“

„Die Bildungsausgaben in Deutschland liegen deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Ein Bildungsschlusslicht kann auf Dauer kein Innovationsweltmeister werden.“

Kurt Bock, VCI