Nachdem die Chemiebranche 2015 mit 700 angekündigten und abgeschlossenen M&A-Deals weltweit einen Rekord erreichte, ist auch im laufenden Jahr mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Wie sich die Branche 2017 entwickelt, hängt vor allem davon ab, ob der Trend hin zu Mega-Deals im zweistelligen Milliardenbereich anhalten wird.

01.01.2017, Dr. Frank Steffen / Roland Berger

Dr. Frank Steffen

ist Partner bei Roland Berger.

Nachdem die Branche 2015 mit 700 angekündigten und abgeschlossenen M & A-Deals einen Rekord erreichte, ist im laufenden Jahr mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Denn die M & A-Aktivitäten in der globalen Chemieindustrie blieben im ersten Halbjahr 2016 auf hohem Niveau. Bis Ende August 2016 wurden bereits rund 460 Deals abgeschlossen, und das Transaktionsvolumen lag im ersten Halbjahr 2016über dem Vorjahreswert. Dieser Trend ist nicht überraschend: Global agierende Chemieunternehmen standen 2015 schwierigen wirtschaftlichen Voraussetzungen gegenüber. Die Folge war geringes oder sogar stagnierendes organisches Wachstum für Unternehmen der Chemieindustrie. Hinzu kommt, dass etablierte Unternehmen ihre Position in den Hauptmärkten gefestigt haben und eine weitere Erhöhung ihrer Marktanteile kaum möglich ist. Anorganisches Wachstum durch Akquisitionen ist daher ein alternativer Weg, um Umsatzziele zu erreichen und gleichzeitig neue Märkte zu erschließen. Dies führte dazu, dass der Wert der M & A-Transaktionen in der chemischen Industrie zwischen 2014 und 2015 um fast 60 Prozent – auf 152 Milliarden US-Dollar – gestiegen ist.

Neben vielen kleinen und mittleren Transaktionen gab es in den letzten Jahren auch einige sehr große Deals, wie die Akquisitionen von Sigma Aldrich durch Merck (17 Milliarden US-Dollar), Pirelli durch ChemChina (9 Milliarden US-Dollar) sowie die angekündigte Fusion von DuPont und Dow Chemical. Bis Ende August 2016 erreichte der Gesamtwert abgeschlossener oder unterzeichneter M & A-Deals in der Chemieindustrie 160 Milliarden US-Dollar. Dazu trugen vor allem die im ersten Quartal 2016 angekündigte Übernahme von Syngenta durch ChemChina (rund 47 Milliarden US-Dollar) sowie die im zweiten Quartal angekündigte Akquisition von Monsanto durch Bayer für rund 66 Milliarden US-Dollar bei (s. Abb. 1).

Die meisten Firmenakquisitionen bei Basischemikalien

Schaut man nach den einzelnen Marktsegmenten, so stellen Basischemikalien auch 2016 den größten Teil der M & A-Transaktionen dar. Haupttreiber aus Verkäufersicht ist das Bestreben der Chemieunternehmen, sich auf profitablere Produkte am Ende der Wertschöpfungskette zu konzentrieren.

Für Zukäufer auf der anderen Seite stellt der Erwerb von Produktionskapazitäten im Bereich der Basischemikalien eine Möglich- keit dar, durch Skaleneffekte die Herstellungskosten zu senken. Es ist daher ein leichtes Wachstum von M & A-Deals im Bereich der Basischemikalien nach einer konstanten Anzahl in den Jahren 2014 und 2015 zu erwarten (s. Abb. 2).

Abbildung 1: Anzahl der Deals

Quelle: Roland-Berger-Analyse basierend auf Daten von S&P Capital IQ im Zeitraum vom 01.01.2012 bis 31.08.2016

Das Segment der Spezialchemikalien verzeichnet nach den Basischemikalien das zweitgrößte Volumen an M & A-Deals. Denn Chemiekonzerne sind stark bemüht, ihr Produktportfolio an ihre strategische Ausrichtung anzupassen und attraktive Wachstumsmärkte für sich zu erschließen. Zwischen 2013 und 2015 stieg deshalb die Anzahl der M & A-Deals bereits um rund 10 Prozent pro Jahr. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, würde die Branche rund 190 Transaktionen im Gesamtjahr 2016 erleben: ein durchaus mögliches Szenario.

Die im zweiten Quartal 2016 bekanntgegebene Übernahme des Spezialadditiv- Geschäfts von Air Products durch Evonik für 3,8 Milliarden US-Dollar ist ein Beispiel für einen typischen M & A-Deal im Bereich der Spezialchemie. Denn durch die Trennung vom Chemiegeschäft kann sich der amerika- nische Konzern Air Products künftig auf das Kerngeschäft der Industriegase fokussieren. Für Evonik andererseits ergänzen die akqui- rierten Produkte im Bereich der Spezialadditive das bestehende Produktportfolio.

Neben M & A-Aktivitäten im Milliardenbereich wurden 2016 auch gezielte Akquisitionen mittelgroßer Firmen im Bereich der Spezialchemie verbucht. Ein Beispiel ist die Akquisition der Desinfektionssparte des amerikanischen Chemieunternehmens Chemours durch das deutsche Spezialunternehmen LANXESS. Dadurch erweitert der Konzern sein Produktportfolio im Materialschutzbereich und vergrößert sein Geschäft in Nordamerika. Die Übernahme zeigt, dass im Vergleich zu Mega-Deals auch kleinere oder mittlere Akquisitionen in Märkten mit guten Wachstumsaussichten und hoher Profitabilität durchaus attraktiv sind.

Abbildung 2: Gesamtwert der Deals (Mrd. U S-Dollar)

Quelle: Roland-Berger-Analyse basierend auf Daten von S&P Capital IQ im Zeitraum vom 01.01.2012 bis 31.08.2016

Im Segment Agrochemie ragt 2016 die angekündigte Übernahme des amerikanischen Konzerns Monsanto durch Bayer für 66 Milliarden US-Dollar heraus. Bayer wird hierdurch zum weltweit größten Agrochemiekonzern aufsteigen. Die gute Marktposition von Bayer bei Pflanzenschutzmitteln ergänzt sich sehr gut mit der führenden Stellung von Monsanto im Bereich Saatgut. Und auch regional wird Bayer dadurch seine gute Position in Europa und Asien um das starke nord- und südamerikanische Geschäft von Monsanto erweitern.

Quo vadis?

Ob die Branche einen neuen Rekordwert für M & A-Deals im Jahr 2017 erreichen wird, hängt vor allem davon ab, ob der Trend hin zu Mega-Deals im zweistelligen Milliardenbereich anhalten wird. Viele Unternehmen, die in Mega-Deals involviert waren, haben nun vor allem eine Priorität: die erfolgreiche Integration der Organisationen und des Produktportfolios sowie die Ausschöpfung von Synergiepotenzialen. Nach den intensiven M & A-Aktivitäten der vergangenen Jahre könnte dies dazu führen, dass die nun integrierten Chemieunternehmen sich wieder verstärkt auf organisches Wachstum durch erfolgreiche Geschäftsmodelle konzentrieren. Gleichzeitig wird es jedoch auch den Effekt geben, dass Teilbereiche von Unternehmen, die in den letzten Jahren akquiriert wurden, wieder am Markt durch Spin-offs veräußert werden.

Abbildung 3: Anzahl M&A-Deals

Quelle: Roland-Berger-Analyse basierend auf Daten von S&P Capital IQ im Zeitraum vom 01.01.2012 bis 31.08.2016

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Dieser Beitrag ist im Januar 2017 im Printmagazin perspectives #4 erschienen. Die vollständige Ausgabe erhalten Sie hier.

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